Heisman Trophy 2018: Spannend wie selten

 

Nachdem der Großteil der individuellen Awards bereits vergeben wurde, fällt heute Nacht um 02:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit die Entscheidung um die Heisman Trophy, die prestigeträchtigste Ehrung eines einzelnen Spielers im College Football. Wie üblich wurden vorab drei Finalisten benannt, die der Zeremonie in New York beiwohnen werden, und wie so oft handelt es sich dabei um drei Quarterbacks: Oklahomas Kyler Murray, Alabamas Tua Tagovailoa und Ohio States Dwayne Haskins.
Wenngleich es diese drei Ausnahmespieler ohne jeden Zweifel verdient haben, im Finale um die Heisman zu stehen, ist es dennoch immer ein wenig schade, dass der Kreis der Kandidaten letztlich so eingeschränkt ist: Denn neben überragenden Statistiken hat man eigentlich nur eine Chance, wenn man Quarterback eines mindestens halbwegs erfolgreichen Teams oder – in Ausnahmefällen – Running Back eines extrem erfolgreichen Teams (mindestens Top 10) ist. Der letzte Spieler, der als Nicht-QB/RB die Heisman gewann, war 1997 Michigans CB/RS Charles Woodson (der einzige Defense-Spieler jemals und auch sonst in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall). Der letzte Receiver war 1991 Michigans Desmond Howard. Am knappsten dran war Notre Dames LB Manti Te’o 2012 als Zweiter, hier spielte aber sicherlich nicht nur die Leistung eine Rolle.
Natürlich findet man immer einige weitere Kandidaten, die zumindest einen Finalplatz verdient hätten. Das ist vollkommen normal, wenn man die besten drei College-Spieler aus 130 FBS-Teams wählen muss. Dieses Jahr standen zudem ab spätestens Mitte der Saison mit Murray und Tagovalioa zwei Kandidaten mehr oder weniger fest, solange sie sich nicht verletzen oder einen grotesken Formeinbruch erleiden. Der dritte Platz war länger offen: Zeitweilig galten West Virginias QB Will Grier oder Washington States QB Gardner Minshew als Kandidaten, letztlich setzte sich Haskins mit sensationellen Leitungen über die letzten drei Spiele durch. Persönlich hätte ich Wisconsins RB Jonathan Taylor eingeladen, der quasi ohne unterstützendes Passspiel in der physischen Big Ten eine überragende Saison spielte (1989 Rush Yards, 7,1er Schnitt, 15 TDs). Verdient hätte es ohne jeden Zweifel auch Alabamas NT Quinnen Williams (66 T, 18 TFL, 8 Sacks), aber dass ein D-Liner eingeladen wird, werde ich wohl nicht mehr erleben. Wenngleich ich den QB-Bias etwas anstrengend finde, habe ich dieses Jahr weniger als sonst zu meckern, da die drei Finalisten teilweise wie von einem anderen Stern spielten. Betrachten wir sie uns einmal näher:

 

QB Tua Tagovailoa, Alabama (true Sophomore)

Stats 2018:
Passing: 199 von 294 (67,7 %) – 3353 Yards – 37 TDs – 4 INTs
Rushing: 48 – 190 Yards (4,0 Y/A) – 5 TDs

Bereits vor Start der Saison galt Tua als einer der heißesten Heisman-Kandidaten. Grund dafür war natürlich sein sensationelles Debüt auf der ganz großen Bühne, als er im National Championship Game zur zweiten Hälfte den ineffektiven Jalen Hurts ersetzte und Alabama zum Comeback-Sieg führte. Der entscheidende Touchdown-Pass bei 2nd and 26 auf DeVonta Smith wird eines der ikonischsten Plays der 2010er Jahre bleiben.
Tua – mit vollem Vornamen Tuanigamanuolepola – ist vielleicht das größte Football-Talent, das je aus Hawaii kam und dort die Highschool besuchte (übrigens dieselbe wie Heisman-Sieger Marcus Mariota). Wie kürzlich bekannt wurde, musste auch er eine harte Erziehung erleiden, da sein Vater ihn nach schlechten Spielen mit dem Gürtel verprügelte. Schlimm, dass so etwas in vielen sozialen Milieus der USA immer noch Standard zu sein scheint. Soll man nun froh sein, dass er es dennoch gepackt hat, oder nicht? Schwierig zu beantworten…
Diese Saison setzte er sich wenig überraschend gegen Hurts im Kampf um den Starterposten durch und hab die ganze Alabama-Offense auf ein völlig neues Niveau. Zuvor hatte HC Nick Saban vor allem mit dominantem Laufspiel und starker Defense seine großen Erfolge gefeiert, während der Quarterback eher der Typ Verwalter war, der wenig Fehler machen sollte (Greg McElroy, A.J. McCarron, Jake Coker), ab und an mal unterbrochen von einem dual-threat QB (Blake Sims, Jalen Hurts). Tua verlieh der Tide Offense eine Big Play-Gefahr, die sie bis dato noch nicht hatte. Ich kann mich ehrlich gesagt in über zwei Jahrzehnten Beschäftigung mit College Football an keinen Quarterback erinnern, der bei seinem ersten Start als Passer so unfassbar weit war. Tua ist mobil, genau und hat einen starken Arm, aber es sind in diesen drei Bereichen die Kleinigkeiten, die ihn zu so einem unfassbar großen Talent machen. Seine Pocket Presence ist exzellent: top Footwork, extrem smooth, gleitet beinahe in der Pocket, ohne unnötige Schritte zu nehmen oder happy Feet zu bekommen. Belässt dabei die Augen beinahe immer downfield und sucht nach dem Big Play. Bei ihm merkt man wie bei kaum einem anderen QB, dass sein Football-IQ herausragend sein muss. Er versteht Coverage pre-Snap und geht schneller als beinahe jeder andere College-QB durch seine Reads, findet also bei guter Deckung eben auch Anspielstation Nummer 4 oder 5, bevor der Druck bei ihm ankommt. Field Scan ist der absolute Wahnsinn. Zudem manipuliert er die tiefen Safeties mit seiner Blickrichtung, bevor er in der letzten Zehntelsekunde den Kopf dreht und auf die andere Seite passt – nirgends wurde das so deutlich wie beim entscheidenden TD im National Championship Game. Dazu kommt eben dieser Arm, der nicht nur stark ist, sondern so unfassbar genau. Damit meine ich nicht nur die alllgemeine Accuracy, sondern insbesondere sein Ball Placement: Bei Jump Balls, Comeback oder Fade Routes platziert er den Ball zentimetergenau so, dass nur sein Receiver eine Chance auf den Catch hat. Bei Crossern und tiefen Pässen legt er den Ball so genau in den Lauf, dass der Receiver keinen Extraschritt nehmen muss, sondern in vollem Lauf die größtmöglichen Yards after Catch produzieren kann. Seine Bälle liegen perfekt in der Luft, haben extrem viel Zip. All sein Können präsentiert Tua dabei in einer derart ruhigen und abgezockten Manier, dass man nicht weiß, wie man ihm beikommen soll.
Problem daran: Alle Alabama-Spiele der regulären Saison waren sehr früh entschieden. Der ‚knappste‘ Sieg war ein 45-23 gegen Texas A&M. Da Saban Tua bei klaren Führungen schonte und Hurts etwas Spielpraxis gab, kam es dazu, dass Tua in den ersten 8 Spielen keinen einzigen Snap im 4th quarter nahm! Insgesamt wurde er nur bei LSU und im Iron Bowl gegen Auburn im 4th quarter eingesetzt. Das hat natürlich seine absoluten Zahlen (Pass Yards, TD-Pässe) verringert, relativ betrachtet steht er immer noch über allen anderen.
Lange Zeit galt es daher als sicher, dass Tua die Heisman mit nach Hause nimmt. Doch dann kam das Championship Game gegen Georgia. Etwas behindert von seiner Knieverletzung (mit der er sich seit Mitte der Saison herumquälte) und Verletzungen an beiden Knöcheln aus dem Spiel selbst (die schwere, nachdem ihm ein eigener O-Liner unglücklich auf den Fuß getreten ist) kam er nur auf 10 von 25 Pässe für 164 Yards, 1 TDs und 2 INTs. Die Bulldogs verteidigten exzellent und setzten ihn auch ungewohnt oft unter Druck, dem er nicht so gut wie sonst entkommen konnte. Die zweite Knöchelverletzung zwang ihn dann zum Zuschauen, und Jalen Hurts holte bekanntermaßen die Kastanien aus dem Feuer.
Der Recency Bias sorgt nun dafür, dass das Rennen um die Heisman Trophy wieder richtig eng geworden ist. Zwar haben sich viele Heisman-Gewinner ein oder gar mehrere schwächere Spiele erlaubt (teilweise deutlich schwächere als Tuas gegen Georgia), aber wird das letzte Spiel, das Championship Game, hier stärker gewichtet?

 

QB Kyler Murray, Oklahoma (redshirt Junior)

Stats 2018:
Passing: 241 – 340 (70,9 %) – 4053 Yards – 40 TDs – 7 INTs
Rushing: 123 – 893 Yards (7,3 Y/A) – 11 TDs

Murrays Weg bis zu dieser Heisman-Nominierung ist lang, abwechslungsreich und mit einigen Umwegen versehen. Schon in der Highschool galt er als einer der größten two-sport-Talente überhaupt: Im Football war er ein glasklarer 5-star Recruit, um den sich quasi alle großen Programme bemühten. Im Baseball galt er als einer der Top-Prospects für die 2015er Draft (was bedeutet hätte, dass er direkt von der Highschool in die MLB gewechselt wäre). Murray entschied sich jedoch vorerst fürs College und wählte Texas A&M aus seinem Heimatstaat, wo er plante, Baseball und Football zu spielen. Als true Freshman duellierte er sich 2015 mit Kyle Allen, dem #1 QB Recruit des Vorjahres, um den Starterposten, unterlag diesem zunächst aber knapp. Mitte der Saison konnte er sich dann durchsetzen und startete ein paar Spiele, bevor er wieder für Allen gebencht wurde. Nach dieser noch wenig überzeugenden Saison entschied er sich, zu Oklahoma zu transferieren. 2016 musste er wegen der Transferregeln aussetzen, 2017 war er der Backup von Baker Mayfield, der sich doch entschlossen hatte, seine Senior Season zu spielen. Dazu spielte er im Baseballteam der Sooners.
2018 sollte er nun die großen Fußstapfen von Mayfield füllen. Zunächst stand im Frühjahr jedoch der MLB-Draft an, und dort zogen ihn die Oakland Athletics als 9th overall pick. Dort unterzeichnete er seinen Vertrag (der ihm einen Signing Bonus von über 4,5 Millionen Dollar beschert), aber nur unter der Bedingung, noch eine Saison Football spielen zu wollen, bevor er sich dann ab Frühjahr 2019 auf seine Baseballkarriere konzentriert.
Und was das für eine Saison war! Murray spielt eine Art Backyard-Football, die man lange nicht mehr gesehen hat. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass er für einen Quarterback sehr klein ist (angegeben mit 5’10, viel mehr ist es auch nicht). Dadurch muss er (ähnliche wie Russell Wilson oder insbesondere Doug Flutie) in der Pocket oftmals mehr Bewegungen machen als andere Quarterbacks, da er schlicht nicht konstant über seine O-Line schauen kann. Murray ist vom Footwork und den Mechanics (insb. Release, recht niedrig und zu lang) nicht in der selben Liga wie Tua, hat dafür andere Vorzüge. Er kann sich besser als jeder andere Quarterback Zeit erkaufen, scramblet wild im Backfield umher, ohne dabei nervös oder panisch zu wirken, und feuert dann doch noch den tiefen Pass raus. Obwohl er ein klassischer dual-threat QB ist, ist das Passing – insbesondere das deep Passing – klar seine erste Option, eigene Läufe kommen eher, wenn es unbedingt nötig ist (oder als Überraschung mit designed Runs). Durch seine hervorragende Passblock O-Line bekam er in der Regel die Zeit, seine beiden Speedster CeeDee Lamb und Hollywood Brown tief zu finden. Dabei zeigte er eine stark verbesserte deep Ball Accuracy, hervorragender Touch. Mit klassischem QB Play hat das nicht immer viel zu tun, doch ist es zweifelsohne wahnsinnig effektiv und höchst spektakulär.
Pass-first klingt komisch, wenn ein QB bereits 893 Yards und 11 TDs erlaufen hat, ist aber so. Und doch verdienen seine läuferischen Fähigkeiten gesonderte Erwähnung. Ich schrieb es irgendwann mal bei Twitter: Ich kann mich an kaum einen Quarterback erinnern, auf den der Begriff cat-quick so sehr passt wie auf Murray. Brutale Beschleunigung, enorme Wendigkeit (alles andere als ein straight-line Runner) und dazu der passende deep Speed, das alles verbunden mit ein paar Baseball-typischen Elementen (insbesondere sein Slide, teilweise auch der Laufstil). Intelligenter Runner, setzte sich selten harten Hits aus (ist ja nicht nur klein, sondern dazu ziemlich schmächtig).
Bewundernswert finde ich seine mentale Toughness: Man bekam eigentlich nie den Eindruck, dass Mayfields Schuhe zu groß für ihn waren. Er interpretierte die Offense von HC Lincoln Riley selbstbewusst, aber nie arrogant auf seine Weise, ohne dabei das Gefühl zu vermitteln, irgendjemandem irgendetwas beweisen zu müssen. Es kam erschwerend hinzu, dass die Sooners eine fürchterliche Defense hatten, so dass Murray in beinahe jedem Spiel in einen Shootout gezwungen wurde und wusste, dass ein einziger Fehler schon das Playoff-Aus bedeuten kann. Ausruhen gabs schlicht nicht.
Murray machte ebenfalls ein paar weniger gute Spiele, was man statistisch allerdings schwer belegen kann: Im Red River Shootout gegen Texas leitete er die Niederlage mit zwei blöden Turnovern ein, orchestrierte dann aber ein spektakuläres Comeback, das beinahe noch in einem Sieg gemündet hätte. Gegen Texas Tech warf er im ersten Viertel zwei Picks, sorgte danach jedoch mit 360 Pass Yards, 100 Rush Yards und insgesamt 4 TDs für die Wende. Murray stand in vielen Spielen wesentlich mehr unter Druck zu produzieren als Tua, hatte allerdings natürlich auch ein paar mehr maue Big 12-Defenses. Ganz schwere Abwägung…

 

QB Dwayne Haskins, Ohio State (redshirt Sophomore)

Stats 2018:
Passing: 348 – 496 (70,2 %) – 4580 Yards – 47 TDs – 8 INTs
Rushing: 73 – 122 Yards (1,7 Y/A) – 4 TDs

Kein Quarterback hat in den letzten drei Saisonspielen besser gespielt als Haskins, der dadurch noch das Ticket nach New York buchen konnte. Trotz seiner überragenden Statistiken im Passing, die selbst die von Murray noch einmal deutlich überragen, geht er als klarer Außenseiter in die Wahl. So etwas ist nicht immer rational herzuleiten, aber Tua und Murray haben die öffentlichen und medialen Heisman-Diskussionen über so viele Wochen bestimmt, dass es einfach schwer ist, da noch reinzugrätschen – Leistung hin oder her.
Auch Haskins musste große Schuhe füllen: Sein Vorgänger J.T. Barrett startete vier Jahre und brach so ziemlich jeden Schulrekord. Barrett war ein QB-Prototyp für die Spread-Offense von HC Urban Meyer: dual-threat, extrem gefährlicher Zone Read und Power Draw Runner, und gut genug als Passer, um die Defenses davon abzuhalten, sich auf den Lauf zu konzentrieren. Haskins ist ein ganz anderer Typ: Pro-Style QB mit mächtigem Körper und starkem Arm, aber nicht übermäßig mobil und kaum gefährlich als Runner. Zudem galt Barrett als fiery Leader, der die ganze Mannschaft mitreißen konnte, während Haskins ein eher ruhiger, introvertierter Charakter ist.
Meyer musste die Offense für Haskins etwas umbauen: Mehr Konzentration auf Inside Zone der beiden RBs, weniger Zone Read, dafür ein wesentlich prominenteres Passspiel. Doch kaum einer konnte damit rechnen, wie promiment es dann tatsächlich war. Haskins konnte seinen Schwarm an talentierten Receivern auf allen drei Ebenen des Feldes hervorragend einsetzen: Touch Pässe ebenso wie echte Bullets, Perimeter und over the middle, extrem variabel und unberechenbar. In der ersten Saisonhälfte callte Meyer meiner Ansicht nach zu wenig tiefe Pässe – vielleicht weil die sonst nicht in der Form zu seinem Offense-Scheme gehören –gegen Ende waren davon dann deutlich mehr zu sehen (und auch hier überzeugte Haskins). Insgesamt produzierte Haskins allerdings deutlich weniger beständig Big Plays als Tua und Murray, was sich an seiner Yards pro Attempt-Statistik ablesen lässt.
Nach einem fulminanten Start schien Haskins Mitte der Saison leicht nachzulassen – etwas, was sich weniger an Statistiken als am „Eye Test“ orientiert. Es kam ein wenig das Narrativ auf, dass er mit Pressure leicht aus dem Rhythmus gebracht werden kann und anfängt, unruhig in der Pocket zu agieren und seine Mechanics zu vernachlässigen. Doch verbesserte er sich in diesen Bereichen im Laufe der Saison enorm. Krönung dann seine letzten drei Saisonspiele: Im wohl schlechtesten Spiel der Buckeyes-Defense (@ Maryland) musste er ein gewaltiges Comeback schultern und war mehrfach gefragt, die Niederlage mit einem TD Drive abzuwenden. Hier griff Meyer zum ersten Mal auf Haskins als Zone Read Runner zurück – und wenngleich das nie seine größte Stärke werden wird, kämpfte er um jeden Zentimeter. Das Meisterstück folgte dann eine Woche später in The Game: Haskins nahm Michigans Top-Defense auseinander, wie ich es selten erlebt habe: kein Problem mit Pressure, top Pocket Presence, unfassbare Accuracy bei Crossern wie Deep Routes, einfach ein Wahnsinnsspiel!
In seinen letzten drei Saisonspielen zeichnete sich Haskins für insgesamt 17 TDs verantwortlich. Nebenbei übertraf er dadurch auch den lange bestehenden Big Ten-Rekord für TD-Pässe in einer Saison, den ein gewisser Drew Brees 1998 mit 39 TD-Pässen aufstellte. Nachdem es zeitweilig so aussah, als ob er noch eine Saison nach Columbus zurückkehren würde, könnte dieses Finish den Ausschlag gegeben haben, doch jetzt in einer eher schlechteren QB Class den Sprung in die NFL zu wagen.

 

Noch einmal zusammengefasst die Argumente für die drei Kandidaten:

Für Tagovailoa spricht zunächst der Eye Test: Kein Quarterback wirkte im Passing dominanter, QB Play wie aus dem Lehrbuch. Keine Defense konnte ihn nur ansatzweise kontrollieren. Bis zum Georgia-Spiel mit Abstand die wenigsten Turnover (und auch sonstigen Fehler). Zudem gewann Tua bereits den Walter Camp Award und den Maxwell Award (jeweils für den besten Spieler der College-Saison), und in den letzten fünf Jahren gewann derjenige dann später die Heisman. Die niedrigeren Stats könnte man auch als Klasse von Tua deuten, da er eben dafür gesorgt hat, dass die Spiele bereits im dritten Viertel entschieden waren.

Für Murray sprechen die Statistiken in Pass und Lauf: In overall Yards und overall TDs liegt er vorne (letzteres gemeinsam mit Haskins). Er konnte sich in kaum einem Spiel ausruhen und durfte keinerlei Schwächen zeigen. In mehreren Spielen war er gegen Ende Clutch und führte die Sooners in Shootouts zu engen Siegen. Murray gewann bereits den Davey O’Brien Award für den besten Quarterback, dieser Award ist allerdings bisher kein so guter Indikator gewesen wie die beiden von Tua gewonnenen.

Für Haskins sprechen die besten Statistiken im Passing, die meisten TD-Pässe, die meisten overall TDs (gemeinsam mit Murray), ohne dabei substanziell mehr Interceptions geworfen zu haben.

My take: Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Haskins dritter werden. Platz 1 und 2 sind deutlich enger beieinander und letztlich eine Frage der Perspektive. Die beiden entscheidenden Gewichtungen werden sein:

1) Wie bewertet man Tuas Leistung gegen Georgia und wieviel davon schreiben die Voter seinen Verletzungen zu?

2) Wie bewertet man die so unterschiedlichen hohen Snapzahlen?

Da besteht schon zwischen Murray und Tua ein Riesenunterschied (Haskins mal ausgenommen). Wird Tua zugutegehalten, dass er seine Stats in so wenigen Plays fabriziert hat?
Persönlich tendiere ich trotz des Georgia-Spiels immer noch knapp zu Tua, da seine Saison zuvor so unfassbar makellos verlaufen ist, wie ich es vielleicht noch nie erlebt habe. Ich kann die Argumente pro Murray jedoch sehr gut nachvollziehen und würde mich nicht wundern, wenn er knapp gewinnt. Und obwohl man so etwas fast jedes Jahr sagen könnte, gab es für mich kaum eine andere Saison, in der zwei Heisman-Sieger derart verdient wären.
Und wie auch immer dieses Rennen ausgeht: Der Verlierer hat ja dann die Möglichkeit, sich im Halbfinale gewissermaßen zu „rächen“. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Unterlegene in der Heisman-Wahl dies als Extra-Motivation versteht. Andererseits schätze ich alle diese Quarterbacks nicht unbedingt so ein.

 

Noch kurz die Gewinner der wichtigsten weiteren Awards, teilweise mit kurzen Einschätzungen meinerseits:

Walter Camp Award (Player of the Year): QB Tua Tagovailoa, Alabama (andere Finalisten: QB Kyler Murray, Oklahoma; QB Will Grier, West Virginia; QB Gardner Minshew, Washington State; LB Josh Allen, Kentucky)

Maxwell Award (Player of the Year): QB Tua Tagovailoa, Alabama (andere Finalisten: QB Kyler Murray, Oklahoma; QB Will Grier, West Virginia)

Davey O’Brien National Quarterback Award: QB Kyler Murray, Oklahoma (andere Finalisten: QB Tua Tagovailoa, Alabama; QB Gardner Minshew, Washington State)

Chuck Bednarik Award (Defensive Player of the Year): LB Josh Allen, Kentucky (andere Finalisten: DT Quinnen Williams, Alabama; DT Christian Wilkins, Clemson)

My Take: Auch wenn Allen eine überragende Saison gespielt hat, hätte ich hier Williams vorgezogen. Für Wilkins freut mich die Finalteilnahme, da sie das bestätigt, was ich vor einigen Wochen hier schrieb: Ich verstehe nicht, warum er im Laufe des Jahres bei vielen Scouts und Analysten derart in der Gunst gesunken ist.

Bronko Nagurski Award (Best Defensive Player): LB Josh Allen, Kentucky (andere Finalisten: DT Quinnen Williams, Alabama; DT Christian Wilkins, Clemson; S Grant Delpit, LSU; LB Devin Bush, Michigan)

Doak Walker Award (Best Running Back): RB Jonathan Taylor, Wisconsin (andere Finalisten: RB Travis Etienne, Clemson; Darrell Henderson, Memphis)

My take: Top Auswahl! Drei hervorragende Finalisten, für die es jeweils einige Argumente gäbe. Taylor hatte zwar die beste O-Line vor sich, dafür die wenigste Unterstützung im Passspiel. Ich hätte ihn ebenfalls gewählt.

Fred Biletnikoff Award (Best Receiver): WR Jerry Jeudy, Alabama (andere Finalisten: WR Andy Isabella, UMass; Tylan Wallace, Oklahoma State)

My take: Schöne, für viele vielleicht etwas ungewöhnlich anmutende Auswahl. True Sophomore Jeudy hat nicht die Megastatistiken wie einige andere WRs, ist allerdings einer der größten Playmaker im College Football. Ich mag in der Regel keine Vergleiche, doch erinnert er mich in seinen Moves ein wenig an Peter Warrick (werde das beizeiten nochmal ausführen). Wallace ist ein kommender Superstar, wie ich hier bereits einige Male dargelegt habe.

John Mackey Award (Best Tight End): TE T.J. Hockenson, Iowa (andere Finalisten: TE Kaden Smith, Stanford; TE Albert Okwuegbunam, Missouri)

My take: Hockenson krönt eine Wahnsinns-Saison, in der er nicht nur seinen höher eingeschätzten Hawkeyes TE-Kollegen Noah Fant übertrumpfte. Nebenbei ein hervorragender Blocker, von daher bekommt ein wirklicher TE diesen Award (und nicht bloß ein zu groß gewachsener Receiver).

Rimington Trophy (Best Center): C Garrett Bradbury, NC State (andere Finalisten: C Ross Pierschbacher, Alabama; C Sam Mustipher, Notre Dame)

My take: Auf Bradbury bin ich erst vergleichsweise spät aufmerksam geworden, der sah schon sehr gut aus. Center kann man im Livespiel oft recht schwer beurteilen, daher keine Kritik von meiner Seite. Allerdings hätte ich Georgias Lamont Gaillard zumindest das Finale gegönnt.

Outland Trophy (Best Interior Lineman): DT Quinnen Williams, Alabama (andere Finalisten: DT Christian Wilkins, Clemson; OT Jonah Williams, Alabama)

My take: Keine Frage, Williams braucht einen Award für diese Saison. Hochverdient!

Butkus Award (Best Linebacker): LB Devin White, LSU (andere Finalisten: LB Josh Allen, Kentucky; LB Dylan Moses, Alabama; LB Devin Bush, Michigan; LB David Long, WVU; LB Markus Bailey, Purdue)

My take: Kann man schwer gegen argumentieren, obwohl ich mich wohl für Michigans Devin Bush entschieden hätte. White ist der erste LSU-LB, der den Butkus gewinnt. Für meine langjährigen Favoriten Bailey und insbesondere Long freut es mich, dass sie endlich eine entsprechende Anerkennung bekommen.

Jim Thorpe Award (Best Defensive Back): CB Deandre Baker, Georgia (andere Finalisten: CB Greedy Williams, LSU; CB Julian Love, Notre Dame)

My take: Der Thorpe-Award kriegt es oftmals (wenngleich nicht immer, s. Gerod Holliman) sehr gut hin, die Statistiken nicht übermäßig zu berücksichtigen, sondern lediglich zur Unterfütterung des Eye Tests heranzuziehen. Baker ist eine hervorragende Wahl, da er die gesamte Saison über nichts zugelassen hat und HC Kirby Smart so die Coverage beständig von seiner Seite wegbewegen konnte. Man kann diskutieren, ob Washingtons Byron Murphy nicht zumindest eine Finalnominierung verdient hätte, aber Love hat etwas unbemerkt ebenfalls eine fantastische Saison gespielt.

Und als krönender Abschluss: Die William V. Campbell Trophy, im Volksmund auch Academic Heisman genannt, geht dieses Jahr an Clemsons DT Christian Wilkins, bei dem offenbar sportliche, akademische und soziale Extraklasse zusammengehen. Wird er sich dazu noch zum National Champion krönen? Wir werden es erfahren…

 

4 Gedanken zu „Heisman Trophy 2018: Spannend wie selten

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