Rückschau Championship Game: Beginn einer neuen Dynastie?

 

Damit hatte wohl niemand ernsthaft gerechnet. Im Duell der beiden mit Abstand besten Teams der Saison zerstört Clemson Alabama geradezu mit 44-16 und krönt sich zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren zum National Champion. Nebenbei glichen die Tigers die Serie mit der Tide zum 2-2 in den letzten vier Playoff-Partien aus.
Und doch hinterlässt dieses Spiel viel tiefere Spuren in der College Football-Landschaft wie auch in Alabamas Selbstverständnis als der dramatische last second Watson-to-Renfrow-Pass vor zwei Jahren. Für Alabama ist es schlicht eine Niederlage historischen Ausmaßes. Die wenigen Spiele, die man unter HC Nick Saban nach seiner Debütsaison 2007 verlor, waren größtenteils knappe Spiele mit oftmals spektakulärem Ende – instant classics, in denen der Goliath durch Freakspieler oder Freakplays in die Knie gezwungen wurde. Eine 28 Punkte-Niederlage ist da doch eine ganz andere Hausnummer. Fun fact: Die letzte Schlappe mit mindestens 16 Punkten Differenz kassierte Alabama übrigens 2004 gegen LSU unter deren damaligen HC Nick Saban. Mit mehr als 20 Punkten Differenz: 2003, ebenfalls gegen LSU und Nick Saban. Bei dieser beinahe absurden Statistik stellt sich zwangsläufig die Frage: Bricht nun eine Zeitenwende an?
Ich möchte hier jetzt nicht das ganze Spiel Revue passieren lassen. Die meisten werden es entweder live, re-live oder zumindest in Highlights gesehen haben. Wer dies aus irgendeinem Grund noch nicht getan hat, hier eine kurze Zusammenfassung:

Im Folgenden werde ich mich eher auf (teilweise bereits im Preview angesprochene) Strategien sowie Key Plays konzentrieren und diese versuchen, in einen Gesamtkontext einzubetten. Und auch wenn die ganze Footballwelt vollkommen zurecht von true Freshman QB Trevor Lawrence fasziniert ist, beginne ich mit Clemsons DC Brent Venables und seinen Calls, die meiner Meinung nach den großen Unterschied machten. Denn man darf trotz des klaren Endresultats nicht vergessen: Alabama gelangen mehr First Downs (23-21), mehr Rushing Yards (148-135) und nur geringfügig weniger Gesamtyards (443-482). Das sind übrigens keine Werte, die durch die Garbage Time zu sehr verwässert wurden (bzw. wenn dann zu Clemsons Gunsten): Zur Halbzeit lag die Tide in allen drei Bereichen komfortabel vorne (zudem 108 zu 27 Rush Yards) – und auf dem Scoreboard dennoch mit 16-31 hinten. Zwei Turnovers erwiesen sich als folgenschwer, und ab dem zweiten Viertel drehte die Red Zone Defense der Tigers mächtig auf.

Brent Venables und die D-Line

Im Preview fragte ich, wie Venables diese Mega-Offense würde stoppen können. Die Antwort lautete: mit einer dominanten D-Line und einer wahnsinnigen Variabilität in den Calls, die QB Tua Tagovailoa mehrfach zu falschen Entscheidungen verleitete. Das gelang gleich in Alabamas erstem Drive hervorragend mit einem Pick-6 von CB A.J. Terrell (#8):

Venables callt hier außen eine Trap Coverage. Das bedeutet im Normalfall, dass der outside CB andeutet, als wäre er in einer Zonenverteidigung (meist Cover 2), so dass der QB denkt, er bleibt bei seinem WR, der eine kurze Route läuft. Stattdessen spekuliert er aber auf einen kurzen Pass (Out o.ä.) des Slot WRs, vor den er dann cutten kann, und überlässt seinen WR einem anderen Spieler (meist dem Safety, der dann nach vorne kommt).
Doch baute Venables hier ein paar entscheidende Variationen ein: Die Tigers DBs deuten Man Coverage an (Terrell dabei erst in Press gegen WR DeVonta Smith (#6), geht dann pre-Snap ein paar Schritte zurück auf Off). Slot-Defender OLB Isaiah Simmons (#11, ich sprach im Preview über seine Vielseitigkeit), der gegen WR Jerry Jeudy (#4) steht, wird auf einen Blitz geschickt. Tagovailoa sieht also Man Coverage mit einem Slot-Blitz, spielt daher die vermeintlich freie Out Route von Jeudy an, rechnet nur eben nicht mit der Trap Coverage. Genau darauf hat Terrell spekuliert, cuttet vor Jeudy und fängt den Pass in vollem Lauf ab. Zudem ist mit S K’Von Wallace (#12) noch ein Spieler zur Absicherung von WR Smith da, der sich mit dem Snap zunächst nach vorne bewegt, dann jedoch den Bereich hinter Terrell abdeckt. Das erste Statement war gesetzt mit einer Coverage Disguise, die man so nicht jedes Play erlebt.

Tua revanchierte sich in der Folge mit zwei TD Drives (kann man beide in den verlinkten Highlights sehen): Zunächst nutzte er ein günstiges Matchup im Slot von WR Jeudy gegen den etwas hüftsteifen S Tanner Muse für einen tiefen TD Pass aus – ein Play Design, mit dem Clemson im Halbfinale selbst viel Erfolg hatte (WR Justyn Ross gegen Irish SS Alohi Gilman). Im nächsten Drive führte ein wenig Laufspiel der Tide, das gegen die D-Line überraschend gut funktionierte, und einige der tödlichen Slants von Tua (wirklich kein College QB kann die so perfekt in den Lauf legen) zu einem Goal Line TD, bei dem Alabamas OC Mike Locksley ebenfalls Kreativität bewies: unbalanced Line, TE Hale Hentges ist quasi als LT aufgestellt, Playaction, sneakt aus der Line, wide open TD Pass.
Der darauffolgende Drive der Tide beim Stand von 13-14 aus ihrer Sicht war vielleicht der Schlüsseldrive des Spiels: Alabama hat 7 Plays innerhalb der Clemson 10 Yard-Line, geht dabei sogar erfolgreich Risiko bei einem 4th and 1 und muss am Ende dennoch mit einem kurzen FG vorliebnehmen. Das bedeutet Anfang des zweiten Viertels zwar die 16-14 Führung, aber weitere Punkte kommen in den weiteren knapp 3 Vierteln nicht mehr aufs Board. Gegen diese Offense eine wahrhaft unfassbare Leistung. Zu diesem Moment rechneten die allermeisten wohl noch mit einem Shootout.

In den nächsten beiden Drives der Tide Offense macht Venables dann die Tür zu mit erneut extrem kreativen Calls. Zunächst gelingt Top-CB Trayvon Mullen seine erste Interception dieser Saison, da Tua erneut die Coverage nicht erkennt:

Venables versteckt hier seine Cover 3 Off durch einen Look mit zwei tiefen Safeties. Pre Snap sieht das nach einer Cover 2 Man, einer versteckten Cover 2 (oder vielleicht noch Cover 4) aus. Nach dem Snap bewegen sich beide outside CBs nach hinten, um ihr tiefes Drittel abzudecken, und S Muse kommt nach vorne. Bei allen anderen Coverages wäre Mullen bei seinem direkten Gegenspieler, TE Irv Smith, geblieben, doch in Cover 3 Off verlässt er ihn und geht die Go Route von Slot WR Jeudy mit. Ein Wahnsinns-Play und erneut hervorragende Coverage-Disguise, die Tua komplett auflaufen lässt. Der legt den Ball ja extra etwas nach außen, weil er dort mit leerem Feld rechnet.

Im nächsten Drive das nächste Meisterstück. Mittlerweile steht es 16-28 und die Tide ist mächtig unter Druck. Bei 3rd and 6 nahe der Mittellinie erwischt wird Tua bei einem hervorragend designten CB Blitz von Mullen erwischt (unteres Video):

Clemson ist in einer 3-3-5 Formation aufgestellt, wobei einer der beiden ILB-Positionen von Backup-S Denzel Johnson (#14) ausgeführt wird (in der Preview führte ich aus, wie variabel Venables seine OLBs und Safeties umherbewegt). Johnson und LB Kendall Joseph deuten einen Blitz an (double A-Gap oder A-Gap), außen sieht es nach Man Coverage aus, insbesondere als WR Henry Ruggs (#11) nach innen in Motion geht und Mullen ihm folgt. Doch dann kommt alles anders: S Johnson blitzt nicht, sondern deckt TE Smith, dafür schießt Mullen in einem Stunt um DE Clelin Ferrell herum und trifft Tua da, wo es besonders weh tut.
Der Sack geht übrigens auf Tua: Die O-Liner auf der Seite sind okkupiert, er hätte hier die Hot Route, den Swing Pass auf RB Najee Harris (#22) werfen müssen, der auch verzweifelt mit den Armen wedelt. Die ganze Entwicklung des Plays kann man mit All-22 Tape noch besser erkennen:

Ich habe jetzt natürlich nur die spektakulärsten Spielzüge genannt. Man bräuchte viele Stunden (die ich momentan nicht habe), um diesen wahnsinnig komplexen Gameplan von Venables komplett zu analysieren. Im Laufe des Finals sind mir immer wieder Plays im Kopf geblieben, die vielleicht nicht den größten Impact hatten, aber dennoch zeigen, wie schwer es Tua gemacht wurde. Ich hatte im Preview ja von den ähnlichen Typen auf S und OLB berichtet, was eben variable Einsatzbereiche erlaubt. Hier als Beispiel ein batted Ball von S Tanner Muse:

Cover 3 Off, Muse kommt downhill von seiner Safety-Position, der CB auf der Seite deutet erst Press an, geht post-Snap in Off. Tua mit RPO, erkennt die gute Gelegenheit für einen Slant – doch doch genau in die Passing Lane sticht Muse. Auf der anderen Seite steht übrigens OLB Simmons im Slot gegen Ultraspeedster WR Jaylen Waddle (auch mit Slant), das Matchup nimmt er allerdings nicht wahr. Play Design war für die rechte Seite.

Genug des Lobes über Venables Schemes. Bei allen taktischen Winkelzügen sollte definitiv nicht untergehen, dass Clemsons D-Line in den Trenches schlicht Mann gegen Mann dominiert hat. Egal, wie man im Einzelnen zu Clemson oder Alabama steht: Diese D-Line kann man in beinahe jeder Hinsicht nicht hoch genug bewerten. Nach dem Halbfinalaus gegen Alabama in der letzten Saison beschließen DE Clelin Ferrell, DT Christian Wilkins und DE Austin Bryant, noch ein weiteres Jahr am College zu spielen, obwohl ihnen Millionenverträge winken (Ferrell und Wilkins gelten als sichere 1st rounder). Zudem bleibt Top DT Albert Huggins, laut diversen Scouts ebenfalls ein NFL Prospect, anstatt für seine letzte Saison zu einem anderen Programm zu wechseln, bei dem er mehr Spielzeit erhalten würde. Insbesondere die Entscheidungen von Ferrell und Wilkins – auch noch als Kombo – sind etwas, was in der Zukunft noch seltener passieren wird. Darum sollten wir als College-Fans solche Momente unabhängig von Sympathien genießen können.
Und was die Jungs up-front für ein Spiel gemacht haben! Zwar machte sich das Fehlen von run-stuffing NT Dexter Lawrence zeitweilig ein wenig bemerkbar, aber im Passrush ließen sie Tua nicht zur Ruhe kommen. Alabamas O-Line um Top-LT Jonah Williams und C Ross Pierschbacher war hoffnungslos overmatched. Geradezu paradigmatisch das Play, als Ferrell gegen Williams mit Power und Wilkins an Pierschbacher und dem RG mit einem effektiven Armeinsatz vorbeikommt und beide fast zeitgleich bei Tua einschlagen:

Insbesondere Wilkins machte innen ein fantastisches Spiel und stand Alabamas Superstar NT Quinnen Williams kaum nach. Ich schrieb es schon mehrfach: Ich verstehe nicht, warum Wilkins in den letzten Monaten von großen Teilen der Scouting Community so viel Kritik bekommen hat. Mag ja sein, dass er nicht der Ultra-Athlet ist, aber die kleinen technischen Dinge, Arm und Hands Usage und ein fantastischer Motor bedeuten für mich einen wahnsinnig hohen Floor. Quasi nebenbei gewann er noch die William V. Campbell Trophy (umgangssprachlich auch Academic Heisman genannt) und schloss bereits seinen Master ab. Viel sicherer gehts doch kaum. Nebenbei ein eher humoriger Typ, wie diese wunderbare Sequenz während der Siegesfeier verdeutlicht:

Ihr merkt, ich schätze Wilkins wirklich sehr. Doch bevor sich jemand nun Sorgen macht, dass Clemson die Abgänge der vier D-Line Starter und des Top DT Backups nicht verkraften kann: Die Tigers haben einige Toptalente in der Hinterhand, die nun einfach nur ein Jahr länger als geplant warten mussten (bzw. sich vorbereiten konnten). DE Xavier Thomas sage ich eine wirklich große Karriere voraus, und auch DT Nyles Pinckney hatte einige starke Szenen diese Saison. Der Rest der Truppe ist ebenfalls hochtalentiert (fast alle high 4-stars). Dennoch ist eins klar: So eine Line werden wir so schnell nicht wieder erleben, da ein solches Talent normalerweise zu 95% bereits zum frühestmöglichen Zeitpunkt in der NFL landet. Aber wer die Bilder von Bryant, Ferrell und vor allem vom weinenden Wilkins gesehen hat, wird wohl kaum sagen können, dass ihre Entscheidung falsch war. Chapeau.

Trevor Lawrence, Justyn Ross und der Untergang der Tide Defense

Nun zu dem, was wohl den Großteil der Leserschaft mehr interessieren dürfte: die Performance der Tigers Offense mit einem true Freshman gegen die gefürchtete Tide Defense. Wie ich im Preview vermutete, verzichtete HC Dabo Swinney trotz des hervorragenden RB Travis Etienne darauf, das Laufspiel zu etablieren. Gerade inside hatte Etienne überhaupt keinen Erfolg, in den ersten drei Vierteln gelangen ihm hier nur knapp über 1 Yard pro Lauf (allerdings insgesamt 3 TDs, davon einer über außen und einer per Shovel Pass). Grund für das brachliegende Inside Running war vor allem NT Quinnen Williams, der bei Run Plays auch von double Teams erneut kaum zu blocken war. Hier ein Beispiel gegen Backup RB Adam Choice, dem es nicht besser erging als Etienne:

Swinney vertraute stattdessen seinem true Freshman QB Trevor Lawrence, notfalls ohne Unterstützung des Laufspiels die Tide Secondary zu attackieren. Und wie er das tat: Inbesondere CB Saivion Smith, schon vor dem Spiel als mögliche Schwachstelle diskutiert, wurde ein ums andere Mal Opfer von Lawrences Würfen, so dass er irgendwann nicht mal mehr wusste, welche Coverage angesagt war. Der Arm von Lawrence ist schlicht schon jetzt NFL-Level, noch mehr beeindruckt hat mich allerdings sein Decision Making, seine Poise und sein Verhalten in der Pocket. Ich twitterte irgendwann in der ersten Halbzeit, dass er in der Pocket wie ein NFL Veteran wirkt. Diese Schritte in die Pocket hinein, ohne panisch zu werden, obwohl dort die Monster der Tide D-Line lauern, sind einfach top:

Dabei gelang es der Tide Defense immer wieder, bei den ersten zwei Downs zu halten und die Tigers in 3rd and longs zu zwingen. Vor dem Spiel hätte ich wohl gewettet, dass das ein klarer Vorteil für Alabama sein wird – ich mein, Nick Saban bei 3rd and long gegen einen true Freshman QB – aber au contraire: Clemson verwandelte 10 von 15 3rd downs (sowie ihren einizigen 4th down try), darunter einen 3rd and 14, 3rd and 12, 3rd and 9, 3rd and 8 und mehrere 3rd and mediums – alle durch Pässe von Lawrence. Er sezierte geradezu die Nickel- & Dime-Packages der Tide.
Dabei leisteten sich die Tide Defender ungewohnte Schwächen. Beim angesprochenen 3rd and 14 erstarrt der normalerweise hervorragende Centerfielder S Deionte Thompson mit dem Snap zur Salzsäule und lässt Tee Higgins (in tight formation aufgestellt) mit einer simplen Seam Route einfach vorbeilaufen:

Nochmal zurück zu Lawrence. Im Laufe des Spiels waren Würfe dabei, die wirklich nicht jeder NFL-QB in petto hat. Dieser hier ist leider total untergegangen, aber zieht euch mal diese Armstärke rein, die erst beim All-22 so richtig zur Geltung kommt:

Höhepunkt seiner Performance war dann wohl dieser unfassbare Pass auf Higgins: Lawrence bleibt ruhig, obwohl OLB Anfernee Jennings anrauscht und ihm einen ordentlichen Hit verpasst, wird den Ball im letzten Moment los und legt ihn über die underneath Coverage des LBs und in die double Coverage der DBs hinein bei so wenig Raum nach hinten, Higgins dazu mit einem Top Catch. Holy cow, besser gehts nicht:

Lawrence brachte insgesamt 20 von 32 Pässen für 347 Yards und 3 TDs an, doch geben die Zahlen nicht vollständig wieder, was das für eine dominante, ja beinahe historische Leistung war. Ein paar Würfe waren ungenau (irgendwas muss es ja auch noch zu verbessern geben), aber wie ruhig er unter Pressure agierte, die trotz insgesamt guten Passblocks ab und an bei ihm ankam, war schon unfassbar beeindruckend. So etwas habe nicht nur ich von einem true Freshman noch nicht gesehen.
Bei aller Kritik an Alabamas Secondary sollte man nicht vergessen, dass diese Unit ja lediglich verglichen mit anderen Mannschaftsteilen Alabamas eine Schwachstelle darstellt, aber keinesfalls verglichen mit anderen Passverteidigungen des Landes. Über die Saison hinweg gab sie durchschnittlich unter 200 Pass Yards ab und erlaubte nur 52,5% Completions. Statistisch rangiert die Passverteidigung unter den besten des Landes, war allerdings ziemlich anfällig gegen Big Plays, was Clemson reichlich ausnutzen konnte.
Wenn man über Lawrences Leistung redet, muss man zwangsläufig ein paar lobende Worte für HC Dabo Swinney anfügen. Der erkannte früher als jeder andere, dass Alabama mit QB Kelly Bryant wohl nicht zu knacken sein wird. Bryant ist zweifellos ein guter College-Quarterback, mit dem man durchaus große Erfolge feiern kann (letztes Jahr ACC Champion, Playoff-Halbfinale), doch für den ganz großen Sprung reicht es aufgrund seiner Limitationen als Passer vielleicht nicht ganz. Swinney ging Risiko mit der Entscheidung, Bryant durch einen true Freshman in einer eigentlich funktionierenden Offense zu ersetzen und wurde dafür belohnt.

Doch lag der dominante Auftritt der Passing Offense keineswegs an Lawrence allein. Seine Receiver Tee Higgins und true Fr. Justyn Ross konnten von Alabamas Secondary kaum kontrolliert werden. Nach der Halbzeit wich Saban (wie so oft, wenns nicht läuft) mehr und mehr von seiner Cover 3 ab und versuchte es mit Cover 1 (also Man Coverage und einem tiefen Safety, gerne mit Press der CBs), um vorne ordentlich Druck bringen zu können. Aber auch das hatte keinen Erfolg, da Higgins und Ross einfach zu dominant waren und Lawrence selbst bei Druck und vom Back Foot brillieren konnte wie hier beim langen TD von Ross:

CB Saivion Smith wird beim Release verladen, legt sich hin (verletzt sich sogar dabei), und erneut sieht S Thompson nicht gut aus gegen Ross‘ Speed. Ross bewies in den Playoffs mit insgesamt über 300 Receiving Yards und 3 TDs in beiden Spielen sein Superstar-Potenzial, das ich im Laufe der Saison vorhergesagt hatte. In der zweiten Halbzeit drehte er dann völlig frei und zeigte in einem Drive gegen den bemitleidenswerten Fr. CB Josh Jobe gleich zwei Weltklasse Catches:

Ich hatte Ross ja bereits kurz in meinem Beitrag zum letztjährigen National Signing Day erwähnt als einen der seltenen Fälle von Top-Recruits aus dem Staat Alabama, der sich gegen die Crimson Tide entschieden hat. Gestern hat er Saban dessen Recruiting-Niederlage noch einmal so richtig unter die Nase gerieben. Übrigens: Der letzte #1 Recruit aus Alabama, der eine andere Uni wählte, war 2012 übrigens ein gewisser Jameis Winston, seines Zeichens Heisman-Sieger und National Champion mit Florida State. Dieses Jahr ließ sich die Nummer eins, der 5-star Alabama Highschool OG Clay Webb von Kirby Smart nach Georgia locken. Ob er auch mal so einschlagen wird?

Bei allen berechtigten Lobeshymnen für Lawrence, Higgins und Ross sollte man allerdings keinesfalls die Tigers O-Line vergessen, die insgesamt einen fantastischen Job gemacht hat. Sicherlich nicht die talentierteste Line aller Zeit, aber sehr erfahren und eingespielt. Natürlich konnte man nicht verhindern, dass Quinnen Williams ein paar Plays macht, doch saß der Passblock gegen ihn meist recht gut (ein Lob an C Justin Falcinelli), und außen konnten die 5tech DEs Isaiah Buggs und Raekwon Davis größtenteils neutralisiert werden. Der beste Speedrusher Christian Miller fehlte enorm. Einzig OLB Anfernee Jennings kämpfte bis zum Schluss und hatte immer wieder seine Plays – bis dann die entscheidenden 3rd downs kamen. Auch als Saban in der zweiten Halbzeit mit Blitzes mehr Risiko ging, wurden die von der O-Line meistens problemlos aufgenommen. Eine überraschend starke Leistung einer teilweise zu hart kritisierten Unit. Und wenn etwas durchkam, hatte Lawrence die schnelle Antwort parat.
Sicherlich kam den Tigers zusätzlich die geringe DL-Depth der Tide zugute. Williams, Buggs und Davis mussten beinahe durchspielen und wirkten gegen Ende deutlich müde, während die eigene D-Line aufgrund ihrer unfassbaren Tiefe munter durchwechseln konnte. Nur ist das eben auch ein Qualitätsmerkmal.

Und Alabama?

Den Großteil der Probleme habe ich bereits angerissen: Unterlegene O-Line, nonexistenter Passrush und überforderte Secondary. Nach einem solchen Spiel ist die Verlockung in der Regel groß, einfach „outcoached“ zu schreien. Doch trifft das meiner Ansicht nach wenn überhaupt nur auf das Matchup „Tide Offense vs. Tigers Defense“ zu (und auch dort waren Execution-Fehler mindestens ebenso sichtbar wie schlechte Calls/Designs). Die Tide Defense war dagegen – so ungewöhnlich das klingen mag – hoffnungslos unterlegen. Saban versuchte wirklich alles gegen das Clemson Passing Game: enge Zones, seine typische Cover 3 mit all ihren Feinheiten, Man Coverage, Blitzes von verschiedenen Positionen aus. Es half halt einfach nichts. Egal, was er callte, Lawrence und seine superben Receiver hatten eine Antwort parat. Von daher würde ich hier weniger von outcoached als von outclassed reden. Die Frage ist nur, ob das nicht sogar beunruhigender ist.
Saban erkannte das übrigens recht schnell und fing bereits zu Beginn des zweiten Viertels an, 4th and shorts mitten in der eigenen Hälfte auszuspielen. Insgesamt versuchten die Tide sechs 4th downs (drei davon gelangen), doch hätte es mindestens einer mehr sein müssen. Sabans mit Abstand schlimmste Entscheidung war ein fürchterliches Fake FG mit Holder (und Backup QB) Mac Jones und dem Kicker als Vorblocker gegen eine auf einen FG Fake vorbereitete Base Defense von Clemson. Vollkommen absurd:

Bei hohem Rückstand und mit einem Kicker, dem Saban (zurecht) nicht vertraut, wusste nun wirklich fast jeder, was kommen würde. Er hätte unbedingt die Offense auf dem Feld lassen sollen, aber da war der Panikmodus wohl schon aktiviert.
Zudem wunderte ich mich, dass Saban kurz vor der Halbzeit nicht mehr Risiko ging. Nachdem er zuvor bereits einige 4th downs ausspielen ließ, verzichtete er bei Ballbesitz an der eigenen 25 Yard-Line bei 45 Sekunden Spielzeit und drei Timeouts auf einen ernsthaften Versuch, noch in FG Range zu kommen. Das ist aber irgendwie noch ansatzweise nachzuvollziehen, wenn man bedenkt, wie wenig er seinem Kicker vertraute und dass er den Ball nach der Halbzeit erneut bekommen würde. Es stand ja „nur“ 16-31.

So oder so ist es viel zu früh, den Schwanengesang anzustimmen. Alabama dominierte diese Saison über weite Strecken, wie man es selten zuvor gesehen hatte: Tua und seine supertalentierten Receiver sorgten für eine ganz Tide-untypische explosive Offense, das RB-Trio unterstützte exzellent und die defensive Front-7 dominierte bis zum Finale jeden Gegner (vielleicht von Georgia abgesehen).
Die Offense dürfte in der kommenden Saison erneut ganz oben mitspielen: Tua und seine Top 4 WR sind definitiv zurück, und auf RB fand man in der Saban-Ära immer sehr kompetente Nachfolger (zudem bleibt Najee Harris ja noch). Bei der O-Line ist abzuwarten, ob Jonah Williams zu ersetzen sein wird, und auf den anderen Positionen bräuchte man zumindest tendenziell eh eine leichte Verbesserung.
In der Defense muss die komplette Line ersetzt werden, was sicherlich Sabans schwierigste Aufgabe werden wird, allerdings müsste er das bei den dauernden Abgängen mittlerweile gewohnt sein. Doch seien wir ehrlich: Quinnen Williams kann nicht ersetzt werden, und er hat eben auch so viele Schwächen der Defense kaschieren können. In der jungen Secondary müssen entweder die Spieler einen deutlichen Schritt nach vorn machen oder eben von talentierten Backups bzw. sogar incoming Freshmen verdrängt werden.
Letzteres betone ich deswegen, weil Nick Saban nach dem (vergleichsweise) Off-Jahr 2018 in diesem Recruiting Circle wieder eine unfassbare Class nach Tuscaloosa lotsen konnte: 3 5-stars und sage und schreibe 24 4-stars (jeweils Composite Ranking) – darunter 3 der 8 höchstgerankten O-Liner sowie 2 der 5 höchstgerankten DEs – kommen für die neue Saison hinzu. Alabama wird also weiter aus dem Vollen schöpfen können, da müssen wir uns alle keinen Illusionen hingeben (oder keine Sorgen machen, je nach Perspektive). Solange Nick Saban an der Seitenlinie ist, wird man um den Titel spielen.

Eine neue Dynastie?

Nur steht die Crimson Tide mittlerweile nicht mehr allein auf dem Gipfel. Dabo Swinney und seine Tigers sind hinzugestoßen, und die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht einmal so gering, dass diese beiden Teams in den nächsten Playoffs erneut aufeinandertreffen werden.
Auch wenn Clemson ja nun wahrlich kein Neuling auf der großen College Footbal-Bühne ist, hat sich seit Montag doch einiges geändert. Wie gesagt: In einem Spiel kann der Außenseiter mal überraschen und den Favoriten in einen Shootout mit ungewissem Ausgang zwingen. Solche Dynamiken gibts halt beim Football. Oder der Außenseiter hat einen transzendentalen Spieler (wie etwa Deshaun Watson), der in den entscheidenden Momenten über sich hinauswächst und eine quasi unmenschliche Leistung zeigt. Aber dieses Spiel war etwas anderes: Pure Dominanz. Und das ist Alabama und Nick Saban bei beinahe allen ihren Niederlagen in der Form selten untergekommen. Vielleicht muss man sogar ins Jahr 2008 zurückgehen (die Sugar Bowl-Niederlage gegen Utah, und da stellt sich zumindest implizit die Frage nach der Motivation).
Diese Dominanz gelang Clemson dazu noch mit einem jungen Team. Von Teilen der O-Line und D-Line abgesehen finden sich wenig Seniors. Natürlich muss man abwarten, wie viele Juniors sich in den kommenden Tagen für den Sprung in die NFL entscheiden. Die Skill Player in der Offense werden jedoch nicht dazugehören: Trevor Lawrence und Justyn Ross bleiben noch mindestens zwei Jahre, Travis Etienne und Tee Higgins noch mindestens nächste Saison. Das wird sehr, sehr unangenehm für die Gegner werden. Lawrence ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Preseason-Favorit auf die Heisman.
Also eine neue Dynastie? Aus meiner Sicht wahrscheinlich. Wenn Clemson mit Lawrence noch eine weitere National Championship gewinnt, hätte man mindestens drei Siege, vier Finals und ein weiteres Halbfinale in fünf (oder sechs) Saisons erreicht. Da würde sich die Frage dann nicht mehr stellen.

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