Senior Bowl 2021 – Notizen

Die Senior Bowl-Woche ist vorbei, und wie gewohnt veröffentliche ich hier meine wesentlichsten Notizen. Mittlerweile ist die Aufmerksamkeit für den Senior Bowl gestiegen, was sicherlich daran liegt, dass immer mehr Menschen früher beginnen, sich mit der Draft und den Prospects auseinanderzusetzen. Doch zunächst ein paar Vorab-Infos für diejenigen, die mit dem Pre-Draft-Prozedere nicht so vertraut sind.

Was ist der Senior Bowl?

Im Normalfall werden nach der College-Saison einige Postseason College All-Star Games ausgetragen, von denen der Senior Bowl in Mobile (Alabama) das mit Abstand bedeutendste ist. Darüber hinaus gibt es etwa das East-West Shrine Game, den NFLPA Collegiate Bowl etc., die üblicherweise bereits in den Wochen zuvor stattfinden. Beim Senior Bowl dürfen – wie der Name schon nahelegt – nur Seniors teilnehmen – sowie 4th year Juniors, die ihren Abschluss bereits seit mindestens Dezember in der Tasche haben.

Nur haben wir dieses Jahr eben keinen Normalfall, was die Relevanz des Senior Bowls noch einmal deutlich ansteigen lässt. Zum einen sind die kleineren All-Star-Games abgesagt worden, zum anderen wird es ja auch keine NFL Combine in Indianapolis geben. Hinzu kommt, dass die NFL Scouts ja während der Saison deutlich weniger Zugang zu den einzelnen College-Teams hatten. Mit anderen Worten: Der Senior Bowl ist die beste Gelegenheit, viele Talente auf einen Blick unter vergleichbaren Umständen (etwa im Gegensatz zu den Pro Days) unter die Lupe zu nehmen.

Jim Nagy, der Executive Director des Senior Bowls, organisierte die Veranstaltung den Umständen entsprechend absolut hervorragend. Das ganze Drumherum entfiel, und die Spieler waren weitgehend abgeschirmt. Für die Coaching Staffs gab es ein Limit von je 10 Personen, so dass nicht die üblichen Trosse angereist sind. Alle Kontakte zu den Spielern wurden formalisiert, so eben auch die Interviews.

Spieler, Coaches und Offizielle wurden täglich getestet. Die Spieler und die beiden Coaching Staffs, die dieses Jahr die beiden Auswahlteams trainierten, befanden sich gut abgeschirmt in getrennten Unterbringungen. Die minutiöse Organisation zahlte sich aus: Bei über 3.600 Tests nur ein positiver Fall (dieser betraf TCUs LB Garret Wallow, der daher nicht an der Senior Bowl Week teilnehmen konnte).

Wer sich etwas genauer für das geänderte Procedere und die Sicherheitsmaßnahmen interessiert, erhält hier reichhaltige Informationen.

Die Staffs waren in diesem Jahr übrigens Matt Rhule und die Carolina Panthers für das „American“-Team sowie Brian Flores und die Miami Dolphins für das „National“-Team. Man ging von der bisher üblichen Verteilung eines North- und eines South-Teams weg, was zu einer etwas größeren Durchmischung führte. Aufgrund des Ausfalls der anderen Spiele und weiterer Möglichkeiten, sich Prospects in vergleichbarem Rahmen anzuschauen, fiel das Roster des Senior Bowls dieses Jahr insgesamt auch größer als üblich aus: Insgesamt erhielten 145 Spieler eine Einladung, wenngleich nicht alle an den Trainingseinheiten teilnahmen (136 waren dann letztlich vor Ort).

Diese Trainingseinheiten sind der wichtigste Part des Senior Bowl-Woche, weil sie wesentlich mehr Aufschlüsse geben als das Spiel, das traditionell am Samstag die ganze Veranstaltung beschließt. Insbesondere die one-on-ones zwischen O-Line und D-Line sowie zwischen Receivern und Defensive Backs lassen sich ausführlich analysieren. Natürlich geht es auch um Form, die naturgemäß nicht immer gleich ausfällt. Dies konnte man allein an den schwankenden Leistungen einzelner Spieler erkennen. Dennoch zeigen sich hier immer wieder Limitationen, denen man im Game Tape dann noch einmal gesondert nachgehen kann.

Das Spiel gewann übrigens das National-Team gegen das American-Team mit 27-24. Wer sich die Highlights anschauen will:

Einleitendes

Bevor wir zu meinen Erkenntnissen kommen, ein paar Bemerkungen vorab, die ich nur unwesentlich verändert aus den vergangenen Jahren hierhin rüberkopiere.

  • Die folgenden Notizen erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Es werden also zwangsläufig Spieler fehlen, die von dem einen oder anderen Analysten als Gewinner oder Verlierer genannt wurden, sowie welche, die ich später höher ranken werde. Erstens konnte ich nicht alle Einheiten sehen, zweitens musste ich mich auf subjektiv wesentliche Erkenntnisse beschränken, u.a. damit dieser Beitrag lesbar bleibt und einen Gewinn für die Leserschaft bereithält.
  • Grundsätzlich sind die Trainingseinheiten wie gesagt wichtiger als das Spiel selbst, daher werde ich mich größtenteils darauf konzentrieren und Eindrücke aus dem Spiel nur partiell einfließen lassen.
  • Die folgenden Notizen sind nicht mit Scouting Reports zu verwechseln. Nur weil mir ein Spieler in den Trainingsduellen oder im Spiel mit einem bestimmten Trait positiv oder negativ aufgefallen ist, bedeutet das keineswegs, dass er a) diesen regelmäßig zeigt oder b) ansonsten nicht mit diesen Schwächen auffällig geworden ist. Scouting Reports zu bestimmten Prospects und Positionsgruppen werden in den kommenden Wochen und Monaten folgen.
  • Wenn ich von Gewinnern und Verlierern rede, ist dies nicht als Ranking zu verstehen, sondern eher im Sinne von „haben auf sich aufmerksam gemacht“ und „offenbarten mehr/größere Probleme als (von mir) angenommen“. Es ist gut möglich, dass hier aufgelistete Gewinner erst in den late Rounds gepickt werden, während die so genannten Verlierer viel früher vom Board gehen. Ich werde mich größtenteils eh auf positive Eindrücke beschränken, die in einem solchen Kontext mehr verraten als vermeintlich negative.
  • Die folgenden Notizen fokussieren insbesondere die Positionsgruppen O-Line, D-Line und Receiver – einfach deswegen, weil ihre Duelle am ehesten zu bewerten sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Receiver und D-Liner einen tendenziellen Vorteil in den one-on-ones haben, da sie ohne weiteren Spiel(er)kontext jeweils beide oder alle Richtungen offen haben. Man sollte aufpassen, diese in einem tendenziell klinischen Kontext erhobenen Leistungen nicht gegenüber den Leistungen der vergangenen Saisons überzubewerten. Aufschlüsse können natürlich dennoch gezogen werden.
  • Ich versuche einige Eindrücke mit verfügbaren Videoschnipseln zu untermauern. Da ich keine Zeit habe, eigene GIFs zu produzieren, muss ich mich hier auf Verfügbares verlassen. Daher werde ich nicht zu allem bewegte Bilder beisteuern können.

Weigh-In

Noch vor dem Training werden die ersten Erkenntnisse im so genanten Weigh-In gewonnen. Alle Prospects werden auf Größe, Gewicht, Armlänge, Handgröße etc. gemessen. Gerade für O-Liner, D-Liner und Cornerbacks ist beispielsweise die Armlänge ein durchaus wichtiger Indikator, für die O-Line mitunter gar positionsbestimmend, da bspw. ein OT mit kurzen Armen den gegnerischen Passrusher nicht so ohne Weiteres um den QB herumführen kann und daher eventuell nach innen wechseln muss. Die Betonung dieser Inches mögen auf den ersten Blick unbedeutend vorkommen, doch die meisten Teams haben beim Scouting so genannte Thresholds, also Minimal- bzw. Maximalwerte, die bestimmen, ob (und wo) die Spieler überhaupt auf dem Draftboard landen. Dies können Geschwindigkeit oder Quickness sein, aber ebenso Größe oder Armlänge.

Ein paar Anmerkungen, wenngleich es insgesamt wenig größere Überraschungen gab:

Bei den Quarterbacks gab es keine besonderen Abweichungen von den Eindrücken oder von den angegebenen Werten auf den Teamseiten (die oftmals etwas beschönigen). Mac Jones (Alabama) hat eine vernünftige Größe und Handgröße (6’2 5/8, 217 Pounds, Hands 9 3/4 Inch). Jamie Newman (Wake Forest /“Georgia“) mit ordentlich Masse (6’2 7/8, 235) und großen Händen (10). Größter Quarterback war wenig überraschend Feleipe Franks (Arkansas) (6’6 3/8, 234, ebenfalls 10er Hände). Und selbst Ian Book (Notre Dame) knackte die 6’0 Größe.

Bei den Running Backs erwies sich Michael Carter (UNC) noch kleiner als gedacht mit nur 5’7 7/8, aber einem Gewicht von über 200 Pounds (202), so dass das kein größeres Hindernis darstellen sollte. Die größte Diskrepanz trat bei Rhamondre Stevenson (Oklahoma) auf, der mit 227 Pounds doch deutlich unter den angegebenen 246 Pounds blieb – was in dem konkreten Fall keine ganz so schlechte Sache sein muss.

Die wohl größte Nachricht des ersten Tages betraf Heisman-Sieger DeVonta Smith (Alabama), der sich den Measurements verweigerte. Er gab bekannt, diese auf dem Pro Day von Alabama nachzuholen.

Der Hintergedanke dürfte klar sein: Noch ein paar Wochen mehr Zeit für einen Muskelaufbau, damit er nicht ganz so dürr wirkt. Für seinen Spielstil ist das vollkommen egal, da er einen Großteil des Gewichts danach wieder abtrainieren wird. Es ist eh bekannt, dass Spieler mit etwas zu geringem Gewicht vor dem Weigh-In literweise Wasser in sich reinkippen, um wenigstens noch ein paar Pounds rauszuholen. Eigentlich totaler Quatsch, aber so hat sichs halt etabliert. Und jeder spielt mit

Bei den Receivern ansonsten auffällig: Amari Rodgers (Clemson) ist noch einmal mehr gebaut wie ein RB, als ich eh erwartete (5’9 1/2, 211 Pounds), allerdings mit recht kurzen Armen (30). Kadarius Toney (Florida) bestätigte seine Maße in etwa (5’11 1/8, 189). Nico Collins (Michigan) beeindruckte mit Länge und Gewicht (6’4 1/4, 215) im Gegensatz zu einigen anderen big-bodied WR, die etwas kleiner ausfielen (etwa Ben Skowronek von Notre Dame). Tylan Wallace (Oklahoma State) überzeugte mit langen Armen (32 5/8) – irgendwo müssen seine überragenden Contested Catch-Skills bei unter 6’0 und unter 200 Pounds ja herrühren. Marquez Stevenson (Houston) maß deutlich kleiner als angegeben (5’10, 182), ist für ihn als Speedster aber wohl nicht ganz so relevant.

In der O-Line schaut man aus Neugier natürlich gerne mal auf die ganz dicken Brocken. OG Deonte Brown (Alabama) sah schon auf dem Spielfeld beeindruckend kräftig aus und bestätigte dies mit 364 Pounds Lebensgewicht. Auweia. Leider zeigte sich, dass er diese Masse nicht immer genügend gut bewegen kann. Anderer Kracher: Ben Cleveland (Georgia) brachte immerhin 354 Pounds auf die Waage. Landon Dickerson (Alabama) übertraf mit 6’6, 326 die Erwartungen (nahm wegen seiner Verletzung ansonsten ja nicht teil).

Wichtig ist bei O-Linern ja vor allem die Armlänge, die wie gesagt oftmals entscheidet, ob man einen Prospect außen auf OT belassen kann oder doch nach innen schieben muss. Alex Leatherwood (Alabama) konnte die Fragezeichen über seine Länge zumindest auf dem Papier ausräumen (über 6’5, 312, 34 3/8 Arme und eine große Wingspan). Problematisch wird es für Iowas LT Alaric Jackson (32 1/2 Arme) und insbesondere Notre Dames RT Robert Hainsey (32 Arme). Gerade Hainsey wurde dann auch bei den Practices stärker innen getestet (wo er übrigens gar nicht so schlecht aussah). Knapp ist es bei Cincinnatis LT James Hudson (33) und North Dakota States Dillon Radunz (33 1/4, dazu sehr kleine Hände mit 9 1/8)), die beide aber viel mit ihrer überragenden Athletik wettmachen. Von daher sind auch hier die Zahlen niemals in einem Vakuum zu betrachten.

Kommen wir zur D-Line: Beeindruckend der Körperbau von DE Boogie Basham (Wake Forest): 6’3 3/8, 281 Pounds. Er ist nicht übermäßig lang, aber extrem kräftig. Zu ihm komme ich später noch genauer. Gewinner hier wahrscheinlich der eher unbekannte DE Payton Turner (Houston), den ich unter der Saison ein paar Mal als Geheimtipp angepriesen habe: 6’5 3/8, 270 Pounds und eine Tentakel-artige Armlänge von 35! Da werden einige noch einmal genauer hinschauen (zumal Turner keinen so schlechten Eindruck in den Drills gemacht hat. Ein echter Tweener ist TaQuon Graham (Texas), der hier als 5-tech und DT aufgelaufen ist: nicht übermäßig groß (6’3), aber sehr schwer (290) und mit langen Armen (34 7/8) ausgestattet. Weitere größentechnische Auffälligkeiten: die riesigen Pranken von Iowas Chauncey Golston (11) und die Arme von Notre Dames Ade Ogundeji (35 1/4). Patrick Jones (Pitt) dagegen mit eher kurzen Armen von nur 32 Inches. Besorgniserregend war die Armlänge von Kansas States Effort-DE Wyatt Hubert mit nur 30 – da ist ihm selbst der Großteil der Cornerbacks voraus.

Wenn es einen Sieger beim Weigh-In gab, dann wohl Florida States Hybrid Edge/LB Janarius Robinson. Von diesen Maßen war selbst Nagy beeindruckt:

Wingspan, Armlänge und Handgröße allesamt Topwerte dieses Senior Bowls. Wahnsinn. Nun hat Robinson nicht die größte Produktion überhaupt gehabt, aber hier werden einige Scouts noch einmal genauer hinschauen. Aus so einem Körperbau müsste doch was rauszuholen sein – oder?

Auf EDGE kamen die beiden bekannten Speedrusher Quincy Roche (Miami) und Shaka Toney (Penn State) mit relativ wenig Gewicht daher: 243 Pounds (Roche) und 238 Pounds (Toney) ist schon eher am unteren Ende. Doch wichtig ist auch, was die daraus machen – im Falle von Roche komme ich darauf noch einmal zurück.

Bei den Off-Ball-Linebackern bewies Baron Browning (Ohio State) neben seinem enormen athletischen Talent auch exzellente Maße (6’3, 241, 33er Arme). Charles Snowden (Virginia), der bei den Hokies meist 3-4 OLB gespielt hatte, bestätigte meine Annahme eines extrem langen Spielers – aber sowas von: 6‘6 1/4, 232 Pounds, 34 Arme. Nur wo stellt man ihn hin mit dem Körperbau? Chazz Surratt (UNC) ist schon merklich undersized (6’1 1/2, 227, 30er Arme). In diese Gruppe wurde übrigens auch Oregon States Speedrush Demon Hamilcar Rashed gesteckt, der vom Körperbau eindeutig als Edge durchgehen könnte (und da in den Trainings durchaus eingesetzt wurde): 6’3 1/8, 254, 33 3/4 Arme. Leider geht ihm die Stärke am point-of-attack doch merklich ab, so dass ein Wechsel auf Off-Ball womöglich bevorsteht.

Die Cornerbacks waren insgesamt eher großgewachsen. Vor allem überraschte kaum einer mit deutlich kleineren Maßen als angenommen. Syracuses Ifeatu Melifonwu (6’2 5/8, 32 1/8 Arme), Washingtons Keith Taylor (6’2 3/8, 31er Arme) und insbesondere Minnesotas Benjamin St-Juste (6’3 3/8, 32er Arme) sind riesige Corners im Seahawks-Stil. Besonders lange Arme für seine mäßige Größe hat Central Arkansas Robert Rochell (32 3/8), überraschend kleine dagegen UCFs Aaron Robinson (30). Undersized ist Oklahomas Tre Brown (5’9 3/4, 188, 30 1/4 Arme), der aber wahrscheinlich eh nach innen wechseln muss.

Bei den Safeties fallen natürlich immer zuerst diese Kam Chancellor-Typen ins Auge. Bei Hamsah Nasirildeen (Florida State) wusste man das bereits: 6’3 1/8, 213 Pounds und unglaublichen 34 1/4 Arme. Krass auch die Maße von Divine Deablo (Virginia Tech): 6’3 3/8, 226, 32 3/4 Arme. Das ist die Sorte Safety, die eben auch als Dime-Linebacker oder Slot-Linebacker ein zusätzliches Aufgabenfeld haben könnte. Sehr klein dagegen Floridas Shawn Davis (5’10 5/8, 199 Pounds).

Wer sich für alle Maße und Gewichte interessiert, findet die hier aufgelistet.

Eindrücke und Notizen

Kommen wir nun zum Hauptteil des Beitrags. Ich werde die einzelnen Positionsgruppen mal oberflächlicher, mal detaillierter durchgehen – je nachdem, was ich selbst gesehen und wozu ich was gehört habe. Für mich ist das immer auch eine gute Möglichkeit, meine Eindrücke aus der Saison abzugleichen. Bei einigen Prospects werde ich dies dezidiert miteinbeziehen – nicht (nur, hehe), um mich selbst zu loben, sondern weil man einfach gelegentlich sein eigenes Vorgehen und seine Augen abgleichen möchte.

Quarterbacks

Sicherlich nicht die hochkarätigste Position des Rosters – was die Quarterbacks allerdings auch selten sind, da die meisten Top-Quarterbacks eher als Juniors declaren oder den Senior Bowl auslassen. Hier spielte zudem natürlich noch die verletzungsbedingte Absage von Kyle Trask mit rein. Bester Quarterback war – nicht nur für mich – eindeutig Mac Jones. Er hatte seine Ups and Downs, doch einiges, was ihn in der Saison so attraktiv machte, konnte man hier in den Scrimmages sehen: Er hat wirklich den „total command“ für die Offense, ist extrem spielintelligent und ziemlich akkurat. Kaum falsche Entscheidungen, kaum richtig schlechte Würfe. Jones nahm am Spiel nicht teil, war unter der Woche aber deutlich über den anderen Quarterbacks einzuordnen.

Jamie Newman, den ich in seiner Wake Forest-Zeit ja öfter mal als potenziellen NFL-Prospect beworben hatte, bevor er dann nach letzter Saison einigen Hype bekam und zu Georgia transferierte, hatte aufgrund des Opt Outs erstmal einigen Rost abzuschütteln. Er zeigte, dass er über die wohl besten Tools der anwesenden Quarterbacks verfügt, diese jedoch noch viel zu inkonstant einsetzt. Seine Pässe explodieren aus der Hand, haben exzellenten Zip – aber landen längst nicht immer da, wo sie sollen. Zudem gab es einige schlechte Entscheidungen beim Lesen der (ja meist basic) Coverage, die zu Interceptions führten. Seine besten Würfe gehörten zu den besten der Woche (gerade die deep Balls sind teils echte Schönheiten), doch gab es auch viel Negatives zu sehen. Wie schwer wirkt da die Pause rein – gerade wenn man sich die schematisch spannende, aber nicht sehr variable Offense von Wake Forest dazudenkt?

Kellen Mond (Texas A&M) bleibt das Enigma. Hervorragende Anlagen, aber mal so, mal so. In den Trainings inkonstant, im Spiel dann mit zwei Touchdown-Pässen für das unterlegene American-Team der MVP. Ian Book bestätigte die Eindrücke aus der Saion gleich mehrfach: zu schwacher Arm für gefährliche tiefe Pässe, okay im kurzen und mittleren Bereich. Seine Mobilität ist Fluch und Segen zugleich: Er kreiert viel, aber verlässt auch gute Pockets viel zu überhastet. Der Arm von Sam Ehlinger (Texas) ist ebenfalls grenzwertig, bei ihm floaten die Bälle teils bedenklich, dennoch sind die Sideline-Pässen ziemlich genau. Ehlinger wird ein interessanter Case Study sein, inwieweit man seine unzweifelhaften Leadership-Qualitäten und seine Fähigkeiten als (Power) Runner a la Jalen Hurts mit einbezieht. Feleipe Franks sorgte für den letztlich entscheidenden Touchdown-Pass beim Senior Bowl (dazu unten mehr), ist mir abseits von ein paar Plays nicht weiter aufgefallen.

Running Backs

So sehr ich die Runner ansonsten schätze, beachte ich sie bei den Senior Bowl-Practices traditionell mit am wenigsten, da hier doch eher wenig Aufschlüsse gewonnen werden können. Eine der wenigen Positionsgruppen, bei denen das Spiel fast wichtiger sein könnte.

Dennoch gab es hier einen glasklaren Gewinner: Michael Carter (UNC). Wir hatten ja schon beim Weigh-In gesehen, dass er klein, aber eben nicht wirklich undersized ist. Carter beeindruckte die ganze Woche – und auch das Spiel – mit seiner herausragenden Quickness und Elusiveness plus den bekannt guten Burst und Speed. Er hatte einige richtig gute Receiving-Reps, bei denen die Linebacker wirklich überhaupt keine Chance hatten. Allerdings muss er in der Pass Protection noch etwas zulegen, um ein wirklich attraktiver 3rd down back zu sein, da offenbarte er ein paar Mal Probleme, die nicht nur auf seine Statur zurückzuführen sind. Ansonsten eine wirklich exzellente Leistung. Und den besten Run des Bowl Games hatte er auch noch, bei dem er seine Qualitäten eindrucksvoll unterstrich. Einfach sehr schwer zu stellen:

Carter wäre ein idealer RB für Chris Bermans legendäres Woop.

Najee Harris (Alabama) nahm zwar nur an zwei Tagen am Training teil, aber was ist er bitte für ein purer Football Player? Harris litt noch an dicken Knöchelproblemen (im wahrsten Sinne) nach einem eher fragwürdigen Tackle (Gator Roll-Style) im National Championship Game. Sein Agent riet ab, dort überhaupt aufzulaufen, doch Harris ließ es sich nicht nehmen, einige Drills zu absolvieren – wobei er wenig überraschend trotz Limitierung recht gut aussah. Einfach ein unfassbarer Typ.

Khalil Herbert (Virginia Tech) überraschte mit wirklich guter Pass Protection, gerade für einen so kleinen Runner (etwas unter 5’9, 204). Er zeigte nicht nur Effort, sondern überraschend passable Technik: stellte sich square mit guter Leverage, zudem sehr tough. Hier ein Beispiel gegen Ohio States LB Tuf Borland:

Herbert ist ein interessanter Prospect (und vom Stil her ungewöhnlicher Runner), der immer noch zu sehr unter dem Radar läuft. Solche Reps zeigen den Scouts, dass er sich unter Umständen zu einem interessanten 3rd down back entwickeln könnte, wenn nicht mehr…

Wide Receiver

Hier muss ich aufpassen, nicht zu sehr und nicht zu allgemein ins Schwärmen zu geraten. Wie gesagt, die Practices bevorteilen die Receiver gegenüber den Defensive Backs enorm: keine tiefe Hilfe und kein Passrush, so dass teils absurd komplexe und lange Routes mit mehreren Cuts gelaufen werden können. Dennoch: Das waren zwei ausgesprochen starke Units, wobei mich die vom National Team wohl insgesamt noch einmal mehr überrascht hat. Ich würde sogar sagen, dass diese Truppe die letztjährige in den Schatten stellt – und zwar mit einem gewissen Abstand. Schauen wir uns also einige Protagonisten mal genauer an.

D’Wayne Eskridge (Western Michigan): Ich muss einfach mit ihm beginnen. Seit mehreren Jahren schreibe ich mir auf dem Blog und vor allem bei Twitter die Finger wund, was er für ein Playmaker und Geheimtipp ist (etwa hier und hier). Mittlerweile scheints dann auch wirklich bei den wichtigen Leuten angekommen zu sein, denn kaum ein Spieler generierte mehr Hype in der Woche als der zuvor weitgehend unbekannte Eskridge. Eskridge ist undersized (5’9, 188), aber verfügt über Weltklasse-Speed und -Beschleunigung. So ein Spieler wird automatisch in den Slot gesetzt, doch glaube ich, dass man ihn durchaus zur Abwechslung mal nach außen stellen kann, da er über ziemlich gute und ausgefeilte Release-Techniken verfügt. Die liegt an seinem exzellenten Footwork, wofür ihm sicher seine Zeit als Cornerback geholfen hat. Eskridge war einer der wenigen two-way players im College: Er startete 2019 (vor seiner Verletzung) noch auf der defensiven Seite mit nur einigen Einsätzen in der Offense, bevor er sich 2020 dann auf WR konzentrierte. Als Probleme galten eher die Route Adjustments, das Tracking und die Hände (hier spielt vielleicht die geringe Handgröße von nur 9 Inches eine Rolle). Auch in dieser Woche ließ er leider einige leichte Bälle fallen, immerhin weniger als befürchtet. Eskridge hat unterschätzte YAC-Skills und ist deutlich tougher, als ich in den vergangenen Tagen mehrere Male lesen musste. Wird natürlich nie der contested Catch-WR sein, aber kann unter Druck durchaus Bälle sichern.

Am ersten Tag vernaschte er insbesondere den bemitleidenswerten Cal CB Cam Bynum ein ums andere Mal. Hier besonders übel und gleich mehrfach in einem Play:

Von wegen keine Toughness im Kontakt:

Hier ein Beispiel für seine savvy Routes und die Explosion aus dem Cut:

Bei tiefen Pässen einmal auf den falschen Fuß gestellt und tschüss:

Eskridge in einer Offense wie der der Chiefs? Watch out.

Demetric Felton (UCLA): Ein weiterer my guy, der in Mobile besonders überzeugte. Hatte ihn vor der Saison bei Lead Blogger als einen der interessantesten Sleeper der Pac-12 genannt. Felton ist ein RB/WR-Hybrid. Die letzten Saisons wurde er entsprechend eingesetzt (oftmals im Slot), bevor Bruins HC Chip Kelly ihn dieses Jahr fast ausnahmslos ins Backfield stellte. Nagy lud ihn zum Senior Bowl primär als Receiver ein – also umgedrehte Logik zu meinem letztjährigen #1 Crush Antonio Gibson, der hier seine ersten regelmäßigen Reps auf RB erhielt. Wer Anpassungsprobleme erwartete, sah sich getäuscht. Felton dominierte die meisten Cornerbacks mit seinem Speed, das kam nicht total unerwartet. Was allerdings begeisterte, waren die Nuancen des Route Runnings.
Hier der vielleicht beste Double Move der gesamten Senior Bowl-Woche. Ansatzlos throttle-down, Mega Burst aus dem Stutter und riesige Separation. Footwork? Check.

Tolles Route Running mit nettem Release Fake und herausragender Quickness (Corner Route mit inside Release gegen CB mit outside Leverage, legt sich den Verteidiger richtig zurecht):

Felton ist keiner, der viel Raum braucht. Kann auch in small spaces effektiv sein. Hier Top-Separation bei einer einfachen Flat Route gegen outside Leverage. Genialer Stutter mit angedeutetem upfield stem. Fantastisch.

Nochmal ein herausragender Cut, mit dem er Tre Brown verbrennt (einen der besten CBs der Senior Bowl-Woche). Der untere Tweet (den oberen zu Tylan Wallace bespreche ich gleich noch, keine Sorge):

In eine kreativen Offense sollte Felton mit seiner überragenden Quickness ein instantaner Playmaker sein: als Receiving Back aus dem Backfield, als Slot WR und eben auch durchaus mal als Runner. Natürlich muss er noch an einigen Schwächen arbeiten, doch die Base Line dürfte schon zu Beginn recht hoch sein für diverse designed Plays. Wohlgemerkt: Die oben verlinkten Beispiele sind nur die cherry on top neben seinen grundsätzlichen Skills. Würde mich nicht wundern, wenn er noch ein wenig steigt in den nächsten Wochen. Watch out.

Tylan Wallace (Oklahoma State): Über Wallace muss man nicht mehr so viele worte verlieren, da er genügend bekannt sein sollte. Ich bezeichne ihn seit zwei Jahren als besten und physischsten kleinen contested Catch-WR, an den ich mich zumindest in letzter Zeit erinnern kann. Unter anderem deswegen projectet Wallace für mich eindeutig als outside WR, auch wenn er durchaus mal im Slot eingesetzt werden kann. In Mobile überzeugte er mit dem vielleicht besten all-around Skillset aller Receiver. Erkennbare Schwächen oder Defizite gab es eigentlich keine. Hier ein Beispiel für sein sensationelles Ball Tracking und seine Top-Konzentration und Body Control (das besagte Play von oben aus anderer Perspektive):

Nochmal herausragende Konzentration trotz leichtem Stumble nach dem Push:

Mit Wallace machst du nichts falsch. Ganz einfach.

Kadarius Toney (Florida): Von den aktiven Senior Bowl-Receivern (also ausgenommen DeVonta Smith) wohl derjenige, der am höchsten gehen wird. Seine Stärken unterstrich er auch hier eindrucksvoll: filthy Routes & Cuts, die besten, die ich diese Woche gesehen habe. Im gegensatz zur landläufigen Meinung ist Toney nicht nur ein „gib ihm den Ball in space“-Guy, sondern er kreiert herausragende Separation over the middle – und zwar nicht nur regelmäßig, sondern auch schnell. Dazu kommt seine Top-Balance und unterschätzte core strength. Also der perfekte Slot-Playmaker. Die Quickness und Agilität in small spaces sucht einfach ihresgleichen:

Allerdings zeigten sich einige unangenehme Probleme mit Drops, die in der regulären Saison nicht zu verzeichnen waren. Und zwar nicht nur ein oder zweimal, sondern im Laufe der Wochen doch (zu) regelmäßig. Dieses Play fast das vielleicht ganz gut zusammen. Einmal bitte das beste und schlechte in einem:

Diese leichten Probleme dürften aber keine zu große Rolle bei der Evaluation spielen. Toney = Elite Playmaker. Don’t overthink it.

Amari Rodgers (Clemson): Einer der absoluten Gewinner dieser Woche, weil er Fragezeichen beantworten konnte. Rodgers ist als Slot in der Tigers-Offense nicht den allergrößten oder prononciertesten Route Tree gelaufen. „Ball in die Hand und YAC-Skills mit dem RB-Körper ausspielen“ war da oftmals eher die Devise. Umso vorteilhafter, dass er hier beweisen konnte, wie gut seine Routes sind: insbesondere ganz starke, ansatzlose Cuts mit nettem Footwork. Paar Beispiele: Hier ’settet‘ er den DB up für den Release auf eine Art Slot Fade, wodurch er ein wesentlich größeres Fenster für sich und den QB schafft.

Over Route, bei der er sich durch einen absoluten Top-Release schon die dicke Separation holt:

Zum Abschluss gabs noch einen schönen TD im Senior Bowl Game, bei dem er seine Toughness beweist.

Einen blöden Drop hatte er zuvor, aber egal. Rodgers hat sich als Playmaker in Szene gesetzt und in dieser Woche wirklich Geld gemacht

Weitere Receiver: Ich könnte hier noch ewig weiterschreiben und jeden einzelnen Receiver vorstellen, aber irgendwann ist auch mal gut. Daher nur noch ein paar Notizen:

  • Cornell Powell (Clemson) ebenfalls mit einer guten Woche. Wirkt teils etwas unauffällig, weil ihm der eine überragende Trait abgeht, aber ist extrem erfahren und savvy: netter Speed, solide Routes & Releases mit gutem Handeinsatz, sichere Hände. Könnte einer sein, bei demn man sich irgendwann fragt, warum der eigentlich übersehen wurde (ja schon über den Großteil seiner College-Karriere).
  • Sage Surratt (Wake Forest) ist mir in der öffentlichen Betrachtung etwas zu schlecht weggekommen. Solche Drills bevorzugen einfach andere Typen WR mehr als das große physische Perimeter Contested Catch-Monster. Surratt wird nie der Separation-Meister sein, aber er hat subtile Moves fürs Positioning und macht 50/50 Balls zu 80/20 Balls. Mindestens. Bully nach dem Catch. Ich weiß zudem nicht, ob er ganz so langsam ist, wie er teilweise gemacht wird. Klar, er hatte ein paar eher unschöne Reps, in denen er seine Arme nicht vernünftig einsetzte. Zeitweilig sah Nico Collins (Michigan) von den größeren Receivern besser aus.
  • Cade Johnson (South Dakota State) war die Überraschung des Wochenendes. Ich hatte noch gar nichts von ihm gesehen, und er machte das meiste aus seinen Reps. Typ Slot Receiver mit starkem Footwork. Gewann die meisten seiner one-on-ones, teils sogar spektakulär. WR-Experte Brad Kelly war extrem angetan:

Dazu extrem natürliche Hände, hier ein echter Highlight Catch:

  • Dez Fitzpatrick (Louisville): Nutzte die vielen Absagen fürs Senior Bowl Game zu einem ziemlich netten Auftritt. Großer Receiver mit generell verlässlichen Händen, contested Catch Skills und starker Sideline-Awareness. In den Practices fiel er mir aber nicht besonders auf.
  • Frank Darby (Arizona State): N’Keal Harry. Brandon Aiyuk. Frank Darby. Nein. Ganz so hoch wie die beiden Vorgänger bei den Sun Devils wird Darby wohl nicht gehen, dennoch halte ich ihn für extrem underrated. Letzte Saison verletzungsbedingt wenig produziert, aber einer der besseren all-around deep threats der Klasse. Er hat irgendwas.
  • Shi Smith (South Carolina): Deebo Samuel. Bryan Edwards. Shi Smith. Smith ist ein ganz anderer Typ WR als seine beiden Gamecocks-Vorgänger, aber auf einem ähnlichen Track. Gute Woche von ihm, hatte ich aber auch nicht anders erwartet. Spielt so viel größer und physischer als seine Size.

Tight Ends

Von dieser Positionsgruppe habe ich nicht so wahnsinnig viel gesehen. Tre‘ McKitty (Georgia) hatte ein paar schöne Catches, er war vielleicht die größte positive Überraschung. Lieferte sich ein paar nette Duelle mit Top-Cover LB Jabril Cox. Sehr große Pranken, sichere Catches. Könnte einer derjenigen sein, die eine größere Pro- als College-Karriere haben.

Mein langjähriger Sleeper Kenny Yeboah (Ole Miss) überzeugte erneut als Receiving TE, unter anderem mit einem der Catches der Woche – und das im Senior Bowl mit dem letztlich entscheidenden TD des Spiels (der eigentlich wohl eher keiner war):

Dukes Noah Gray hatte ebenfalls ein paar Szenen. Und ich weiß, dass ich da einen Bias habe, aber achtet mal auf Quintin Morris (Bowling Green). Move/Receiving TE, der bei einem der schlechtesten FBS-Programme gespielt hat. Hatte ein nettes Play mit Hurdle im Bowl Game. Er wird irgendwo unterkommen. Underrated.

O-Line

Hier kommen nun die beliebtesten und vielleicht auch vielsagendsten one-on-ones zur Geltung. Obwohl die O-Line in diesen Settings gegenüber der D-Line Nachteile hat, überzeugten die schweren Jungs der Offense mehr als die der Defense – ein erneutes Zeichen für das viele Talent, das auf diesen Positionen in der Draft vorhanden ist. Da die Videos der von der OL gewonnenen Matchups in der Regel keinen interessieren, beschränke ich mich hier größtenteils auf Beschreibungen.

Besonders auffällig waren die herausragenden Leistungen der Small-Schooler:

OT Dillon Radunz (North Dakota State): Wurde zum Practice Player of the Week ernannt. Gewinnt mit seiner Länge und überragenden Athletik, womit er einen Teil seiner core strength (gehört eher zu den ‚dürren‘ OTs) und seine nicht ganz ideale Armlänge problemlos ausglich. In den Passrush-Drills kam kaum einmal jemand an ihm vorbei, zu flink und nimble war die Fußarbeit (auch als Reaktion bei Inside Counters). Wenig Lunging, sehr diszipliniert über seinem Unterkörper spielend. In den Team Drills bewies er sein Top-Movement in space: Zone Blocking exzellent, megaschnell im 2nd level und dort dank seines Footworks auch zu lateral Adjustments fähig. Zeigte überhaupt keinen Rost nach der Quasi-Nichtsaison der Bison gegen hochkarätige Gegner. Radunz bekam Reps auf OT, OG und sogar C – was angesichts des Coachings der Dolphins nicht überrascht. Radunz könnte ebenfalls als beweglicher interior O-Liner in Zone-Schemes sein Zuhause finden. Absoluter Riser.

C/OG Quinn Meinerz (Wisconsin-Whitewater):Immer wieder versteht es der Senior Bowl, OL-Talent aus der Division III auszugraben. Ali Marpet ist sicherlich das beste Beispiel, letztes Jahr gab es Ben Bartch. Nun also Meinerz, der von Div.III-Powerhouse Wisconsin-Whitewater kommt, dem ehemaligen College von Bulls HC Lance Leipold. Bevor ich aufs spielerische komme: Wer so auftritt, hat eh schon gewonnen. Absolute Legende:

Unter der Woche brach sich Meinerz übrigens einen Knochen in der Hand, wollte aber dennoch im Senior Bowl selbst mitspielen und diskutierte das mit Dolphins HC Brian Flores aus. Doch war das nach einer herausragenden Woche gar nicht mehr nötig. Während die meisten Div.II- oder III-Spieler ein wenig Akklimatisierung gegen die ungewohnt starke Konkurrenz brauchen, war Meinerz sofort da: kontrolliertes Footwork, top Leverage und brachiale Power. Killte die D-Liner mit einer Menge Pancakes, räumte in Team Drills teils nicht nur Löcher, sondern die gesamte Seite frei. NFL Network-Experte Daniel Jeremiah war extrem angtetan. Hier sein Kommentar zu einem Play gegen DT Osa Odighizuwa (der eine richtig gute Woche hatte, aber hier absolut chancenlos war):

Borderline ridiculous. Dem kann man zustimmen, vor allem wenn man die Konstanz betrachtet, mit der Meinerz die Woche über agierte. Mal schauen, wieviel Interesse er noch generieren wird.

C/OG David Moore (Grambling State): Noch ein Small Schooler, der mich total überrascht hat. Nicht besonders groß (unter 6’2), aber wie heißt es so schön: Gebaut wie ein „fire hydrant“ (350 Pounds). Klein und sehr kompakt, so groß wie breit. Spielte alle interior Positionen. Natürliche Leverage, guter Anchor, sehr schwer zu bewegen. Guter Push im Run Game. Dazu aware und ein echter Bully. Highlight-Play gegen Cameron Sample (auf den ich gleich noch zu sprechen komme):

C Creed Humphrey (Oklahoma): Okay, einen der Top-Prospects sollten wir hier noch hervorheben. Die Reps, die ich von ihm sah, waren absolut beeindruckend. Exzellenter Anchor im Passblock, ließ sich kaum mal einen Zentimeter zurückschieben. Einmal diese extrem starken Hände am Pad und der Rep ist vorbei. Stonewalling ist hier wohl der passende Ausdruck. Strong Push. Erfüllte alle – sowieso hohen – Erwartungen.

OT Alex Leatherwood (Alabama): Gemischte Woche. Beim Weigh-In sah man, dass die Längen-Problematik nicht aus dem Körperbau herrührt. Dennoch gabs erneut Probleme vor allem gegen Outside Speedrush. Kommt nicht so schnell in ein tiefes Set, wirkt etwas steif und unbeweglich im Unterkörper. Bräuchte (noch) bessere Technik, um diese Limitationen wettzumachen. Deswegen noch lange kein schlechter Prospect, er gewinnt mit Kraft, Erfahrung und guter Armarbeit.

Überraschend gut war auch OT Jaylon Moore (Western Michigan). Hatte den in der Saison gar nicht so spektakulär wahrgenommen (das Run Game der Broncos ist eh immer gut). Genügend Länge, riesige Pranken, die er gewinnbringend einsetzen kann. Insgesamt guter Passblock. Viele Experten waren beeindruckt. Mit seiner Athletik und relativen Quickness überzeugte OT James Hudson (Cincinnati), insbesondere im Passblock.

Wie erwartet hatten einige schwerere Jungs mit den Drills mehr Probleme: OG Deonte Brown (Alabama) wirkte teils zu unbeweglich. Selbst Trey Smith (Tennessee), eigentlich einer der besten OGs der Klasse, hatte mit einigen schnellen Moves überraschend viel Probleme. Hier ist der Reminder ganz sinnvoll, dass diese Drills natürlich nicht das Tape trumpfen, sondern eher auf noch zu bearbeitende Defizite verweisen.

D-Line

Hier gab es doch ein paar Überraschungen, mit denen ich nicht gerechnet hätte.

DL Cameron Sample (Tulane): Aus meiner Sicht sensationelle Vorstellung, die trotz einiger positiver Berichte nicht genügend gewürdigt wurde. Ich hatte ihn euch in der Bowl-Season mal genauer vorgestellt, wo er mir in der Vorbereitung nach kurzer Sichtung extrem gut gefallen hat. Sample ist dieser DL-Hybrid-Typ (knapp 6’3, 274 Pounds), der als SDE in Base spielt und in Passsituationen nach innen rücken könnte. Toller Getoff und Burst für seine Statur, sehr quick (auch lateral), ganz starker und variabler Handeinsatz. Power hinter dem Punch. Exzellente Leverage mit beständig niedrigem Pad Level. Sowohl OTs als auch iOLs hatten mit ihm große Probleme. Gutes Repertoire mit einiger Variabilität. Hier ein paar Eindrücke:

Top Getoff/Burst:

Und wer sich alle one-on-ones anschauen will: Achtet mal auf die Inside Counters und allgemein Inside Rushes, wie gut er den jeweiligen O-Liner nach außen setzt.

Und als ob das nicht genug wäre, wurde er auch noch zum Defensive MVP des Senior Bowl Games gewählt. Sample hat Kohle gemacht in Mobile, überhaupt keine Frage.

DE Boogie Basham (Wake Forest): Keine Überraschung hier. Einer der hochkarätigsten D-Liner der Veranstaltung wurde den Erwartungen gerecht. Bewegt sich auch mit über 280 Pounds ziemlich fluide über den Platz. Basham gewann einige Duelle mit outside Speedrush, doch das wird in der NFL nicht sein Hauptaugenmerk sein (wenngleich er da gar nicht so schlecht ist, hat einen echt unterschätzten Getoff). Viel wichtiger: Er bewies seine Vielseitigkeit, nahm Reps als DE, 5-tech und DT und bewies überall seine unfassbar kräftigen Hände (und Arme). Ansatzlose Inside Counters. Wird in der NFL ein Top-Edge Setter sein, und zwar von Beginn an. Typ long Arm, block-shedder. Aber eben nicht nur. Ein Spieler, mit dem ein kreativer DL-Coach und DC unfassbar viel anstellen kann.

DE Chauncey Golston (Iowa): Bin ich der einzige, der den richtig stark fand? Hab kaum was über ihn gelesen, aber fand seine Reps ziemlich gut. Ebenfalls kräftiger D-Liner (fast 6’5, 268) mit den erwähnten Riesenpranken. Spielte innen und außen. Hat mich mit seiner Quickness und Fluidität ziemlich überrascht. Ganz starkes lateral movement. Als Edge mit guter Explosion aus dem Stance und für fast 270 Pounds gutem Speed auf den ersten Schritten.  Kein reiner Finesse-Spieler, sondern auch schöne Bullrush-Reps. Hatte im Senior Bowl weitere gute Szenen. Variabel einsetzbar, hat verschiedene Möglichkeiten zum Erfolg zu kommen. Könnte noch etwas risen.

EDGE Quincy Roche (Miami): Speedrush Demon. Gut, das wussten wir vorher. Mit seinem Getoff und engen Arc und starkem Dip. Hier ein Duell mit Alex Leatherwood, das dessen Limitationen auch nochmal ein wenig unterstreicht:

Roche überzeugte zudem für sein Gewicht von nur knapp über 240 Pounds ziemlich gegen den Lauf und als Edge Setter. Bewies da gute Leverage und verfügt offenbar über mehr upper body strength als gedacht. Das wird sicher nicht seine primäre Aufgabe in der NFL werden, aber wenn er das verstetigt, ist er eben schnell mehr als nur der 3rd down Passrush Specialist. Insgesamt machte er gegenüber einem vergleichbaren Spielertypen wie Shaka Toney (Penn State) den besseren Eindruck (der strugglete nämlich damit doch etwas mehr).

DE Patrick Jones (Pitt): Der wohl größte Zankapfel. Verlor einen Großteil seiner Duelle, landete viel zu oft auf dem Hosenboden, und dennoch ist es zu einfach, ihn als reinen Verlierer abzustempeln. Jones ist ein extrem ungewöhnlicher Spieler. Zu kaum einem passt der Ausspruch so gut wie „play with his hair on fire“. Jones gibt keine Millisekunde Ruhe, er ist der fleischgewordene Taz the Tasmanian Devil. Bei ihm ist alles ein wenig unkontrolliert, was nicht bedeutet, dass er gar keine Technik hat (ganz im Gegenteil, hat ein nettes Arsenal an Moves). Aber er ist jemand, der in einem Spiel wesentlich effektiver ist als in solchen Drills (wie er prompt mit zwei Sacks im Senior Bowl bewies). Jones braucht etwas weniger Freelancing, etwas mehr Disziplin, etwas mehr klassische Passrush-Elemente, dann wird er einer.

DT Levi Onwuzurike (Washington): Bekam einige Kritik über seine Vorstellung, die ich nur bedingt teile. Klar, der two-gapper oder space-eater in der Mitte wird er nie werden. Und ja, man kann ihn im Run Game umherschieben. Aber die Verbindung von Burst aus dem Stance, initial quickness und Leverage (meist low to the ground Rush) ist eben etwas, mit dem auch interior Liner in der NFL ihre Probleme kriegen dürften. Hat dazu eins, zwei nette Handeinsätze im Arsenal und kann durchaus mal mit Kraft im Passrush agieren. Sicher kein vielseitiger Spieler, doch meiner Meinung nach hat er in seinem designierten Haupteinsatzbereich (disruptive 3-tech) keinen schlechten Eindruck hinterlassen.

Weitere Spieler, die mir immer mal wieder positiv auffielen: die beiden Notre Dame Rusher Daelin Hayes und Ade Ogundeji (ersterer noch etwas mehr). DT Osa Odighizuwa (UCLA) innen mit nettem Push. Jordan Smith (UAB) hatte ein paar Szenen. Marlon Tuipulotu (USC) mit starkem Bullrush.

Linebacker

Ähnlich wie Running Backs auf der anderen Seite eine Position, der ich hier weniger Aufmerksamkeit widme und von der ich nicht viel gesehen habe. Jabril Cox (LSU) bewies seine enormen Skills in (Man) Coverage und sollte daher weiterhin hoch im Kurs stehen. Paddy Fisher (Northwestern) hatte ein paar überraschend gute Szenen mit einiger Range, hätte ich ihm nicht unbedingt zugetraut. Tuf Borland (Ohio State) hatte eine gebrauchte Woche, aber bei ihm hatte ich den kurzen Hype von vor ca. eineinhalb Jahren eh nie verstanden. Sein Teamkollege Baron Browning bleibt weiterhin seltsamerweise underrated. Houstons Grant Stuard bleibt ein undersized Irrwisch ohne klare Pro Position bzw. Einsatzgebiet, dennoch ein interessanter Spielertyp.

Cornerbacks

Da ich merke, dass dieser Beitrag ungeahnte und ungeplante Längen annimmt, werde ich mich hier etwas kürzer fassen. Wie ihr es gewohnt seid, wird es insbesondere zu den Defensive Backs in den nächsten Wochen noch sehr viel mehr auf diesem Blog zu lesen geben. Gerade für die CBs sind diese one-on-ones einigermaßen undankbar, aber wer hat aus dieser mauen Ausgangslage das beste machen können?

Keith Taylor (Washington): Surprise, surprise. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass Keith Taylor hier allen Cornerbacks die Show stehlen würde. Den Großteil der Aufmerksamkeit in der auch von mir gefeierten Huskies-Defense bekam Top Slot-CB Elijah Molden (wohlgemerkt vollkommen zurecht) – und danach eher die Young Guns wie Trent McDuffie und Asa Turner. Doch der ‚vergessene Mann‘ zeigte in den Senior Bowl Practices eine der besten Leistungen überhaupt diese Woche. Taylor ist ein sehr großer Corner mit nicht gerade überlangen Armen (31). Er ist physisch am catch point und schon allein deswegen in der Red Zone schwerer zu bezwingen. Dazu hat er ein wirklich nettes short area movement und schnelle Reaktionen für einen so großen CB. Was mich aber am meisten beeindruckt hat: Wie wenig er panisch wird und wie sehr er seiner Technik vertraut.

Schaut mal hier: Blick bleibt nach Transition lange beim Receiver (womit er etwaige double Moves im Griff hat), entledigt sich des Handfights, blickt zurück und wehrt den Ball ab.

Anderes Play, selbe Technik. Verringert mit dem Handeinsatz gegen Ben Skowronek das Fenster für den Pass, nach dem Kontakt sofort der Blick zurück. Gutes Timing, keine Panik, vertraut seiner Technik.

Auch wenn er den Rep „verliert“ (btw: nicht wirklich), stark gegen D’Wayne Eskridge und seine Quickness. Wie gesagt, Taylor ist über 6’2. Bleibt erneut sehr diszipliniert.

Zum Schluss meiner Ansicht nach eines der besten Plays des Wochenendes. Hier gegen Dez Fitzpatrick, erneut kein Overcommitment zum Stutter / double Move, tolle Disziplin und erneut dieser Killer-Armeinsatz, ohne auch nur in die Gefahr einer Flagge zu kommen. Ganz, ganz stark.

Hätte nie damit gerechnet, dass Taylor mich so wegballert. Könnte ein nettes Target in den mittleren Runden sein. Vielleicht muss er ja gar nicht groß umziehen, wer weiß…

Aaron Robinson (UCF): Mit ihm liege ich euch die gesamte letzte Saison in den Ohren. Nein, UCF hat keine gute Defense gestellt. Doch, UCF hat einige exzellente Defense-Player in seinen Reihen gehabt. Robinson (ein Alabama-Transfer) ist ein ungewöhnlicher Slot-Corner fürs College-Level. Normalerweise spielen deine besten Corners außen, es sei denn, sie sind sehr klein (und oftmals auch dann). Robinson ist mit 5’11 1/2 nicht einmal besonders klein, spielte aber dennoch fast ausschließlich im Slot – und das richtig gut. Er hat einige echte Slot-Qualitäten: gute change of direction, sehr sticky, ziemlich aggressiv. Beispiel für diese Traits unter anderem hier:

Viel Kontakt, doch genau so muss man gerade im Slot agieren, um den Release zu erschweren:

Hier noch ein absolutes Top Rep gegen Kadarius Toney. Diszipliniert beim Release, stays with him über die gesamte Route, in seiner hip pocket, PBU am Ende.

Interesant ist, dass Robinsons sehr kurze Arme (30) bei all diesen Plays keine große Rolle zu spielen scheinen. Robinson verlor wie jeder andere CB natürlich ein paar dieser Duelle. Hier kommts aber eher auf die Frage an, wie und v.a. wann sie verloren wurden. Starker Auftritt insgesamt.

Benjamin St-Juste (Minnesota): Witzig, den fand ich Ende der 2019er Saison ganz vielversprechend (als er sich den Starterposten neben Coney Durr erkämpfte). Im miesen letzten Jahr der Gophers ist er mir nicht besonders aufgefallen. Großer CB mit extrem langen armen (s.o.), der diese ansatzweise ideal einsetzt und daher etwas mehr Separation oder einen Schritt mehr bei der Reaktion auf Cuts erlauben kann.

Hier ein schönes Play: Aktive Hände in Press, verhindert clean Route Releases. Und dann eben diese langen Tentakelarme gegen eine Slant Route:

Tre Brown (Oklahoma): Ich will mich jetzt nicht nur auf die langen Cornerbacks konzentrieren. Brown ist klein, aber enorm scrappy und hat keine schlechte Technik. Lässt sich gegen Press nur schwer auf dem falschen Fuß erwischen. Schnelle Reaktionen, Quickness, trotz nicht überlanger Arme ganz gute Ballskills.

Weitere gute Szenen: etwa Thomas Graham (Oregon) mit seiner Physis in Press und guter Beweglichkeit über die Route. Oder Ifeatu Melifonwu (Syracuse), ein weiterer dieser riesigen CBs mit großer Wingspan, die dir den catch point komplett verhageln können. Auffällig aber, dass er auch aus Off Coverage gar nicht so schlecht aussah (war allerdings eine echt maue Route von Racey McMath):

Safeties

Ist normalerweise auch nicht die Position, auf die ich hier am meisten achte, doch dieses Mal muss ich eine Ausnahme machen.

Richie Grant (UCF): Seit Jahren bewerbe ich Grant nun schon als einen der Top-Safeties des Landes. Leider konnte er bisher nur wenig Hype generieren, doch das dürfte sich nach dieser Woche ändern. Eine absolut erstklassige Vorstellung in Coverage. Gerade Safeties haben es in Mobile oftmals ziemlich schwer, aber Grant zeigte so gut Man Cover Skills, dass das hier extra Erwähnung braucht. Grant machte andauernd Plays. Hier undercuttet er den Slant von Toney zum Pick. Exzellente Instinkte und Ball Skills:

Gegen TEs brillierte er in den one-on-ones, aber auch Receiver hatten es nicht immer leicht. Hier gegen den großen WR Trevon Grimes. Attackiert den Ball ganz stark mit dem hineren RArm und schlägt ihn so frei.

Absolutes Highlight diese Coverage gegen eine lange und komplexe Route von Cornell Powell. Extrem diszipliniert, verlässt die Hüfte von Powell nicht und könnte so jederzeit eingreifen.

Grant hat viel Erfahrung und Qualität als Centerfielder-Safety und in der Box. Gerade für Safeties, die tief unterwegs sind, sind derartige Skills in Man Coverage natürlich sehr beliebt, weil du die halt auch mal in den Slot stellen oder post-Snap runterbewegen kannst. Grant ist ein Spieler, auf den zu achten sein wird. Watch out.

So weit erst einmal die Senior Bowl-Coverage. Ich habe bestimmt einige starke Leistungen und schöne Plays übersehen oder vergessen, aber es ist auch schwer, da immer den Überblick zu bewahren. Falls es noch Fragen oder Kommentare gibt, schreibt die mir doch einfach hier drunter.

Ein Gedanke zu „Senior Bowl 2021 – Notizen

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