Vorschau National Championship Game: Alabama vs. Georgia

Eins steht schon jetzt fest. Der National Champion wird mal wieder aus der SEC kommen. Nach Alabama vs. LSU 2012 (noch im BCS-Modus) und Alabama vs. Georgia 2018 bekommen wir nun zum dritten Mal ein reines SEC-Endspiel präsentiert. Die Tickets fürs Finale gehen seit Tagen in den Keller, und auch die TV-Ratings werden eher geringer erwartet als bei den vergangenen Championship Games. Für College Football-Fans in Europa mag das weniger nachvollziehbar sein, doch in den USA spielt die regionale Herkunft der beiden Finalisten schon eine gewichtigere Rolle – letztlich kein Wunder bei einem so großen Land. Erneut wird also nur der Süden repräsentiert – und nicht etwa California, Ohio oder Texas.

Eigentlich sollten die Vierer-Playoffs ja eine etwas größere Abwechslung an der Spitze garantieren – letztlich war das reine SEC-Finale zwischen Alabama und LSU der letzte Sargnagel für das BCS-System. Doch das Gegenteil ist eingetreten: Nur in der ersten Playoff-Austragung 2014 stand kein SEC-Team im Finale. Seit 2015 gewannen SEC-Teams fünf der sieben Championship Games, nur Clemson (wohlgemerkt: aus South Carolina) konnte die Phalanx zweimal durchbrechen. Ganz oben an der Spitze macht sich ein wenig Langeweile breit, und die wird in Anbetracht der Formierung der SEC zur Super-Conference (mit der Hinzunahme von Oklahoma und Texas) eher noch zunehmen.

Doch genug der negativen Perspektiven auf jüngere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ihr seid schließlich hier gelandet, um ein Preview für das National Championship Game zu lesen. Und es ist ja auch relativ unstrittig, dass die beiden besten Teams der Saison hier aufeinandertreffen. Insofern: Alabama vs. Georgia, yeeeeaaaah! Begeisterung allerorten!

Der Beitrag wird folgendermaßen strukturiert sein: Zunächst erfolgt ein genauerer Rückblick auf die beiden Semifinals, die uns vielleicht trotz ihres deutlichen Ausgangs ein paar interessante Rückschlüsse bieten könnten. Anschließend widme ich mich der Vorschau, die natürlich stark unter dem Stern des SEC Championship Games stehen wird: Was kann Georgia besser machen, damit Alabama nicht erneut deutlich gewinnt? Und worauf muss Alabama achten, da zwei Siege gegen denselben starken Gegner eben gar nicht so leicht zu bewerkstelligen sind?

Nun aber zunächst der kurze Rückblick:

Cotton Bowl: #1 Alabama Crimson Tide vs. #4 Cincinnati Bearcats 27-6

Tja, da habe ich mal ziemlich danebengelegen: Ich hatte erwartet, dass Alabama ein paar mehr Probleme mit den Bearcats haben wird und hatte das schematisch versucht darzulegen. Dem war aber nicht so. Manchmal ist Football einfacher, als wir es machen. Wer das Spiel nicht gesehen hat oder sich den Verlauf noch einmal in Erinnerung rufen will:

In kurz: Alabama kehrte zurück zum Big Boy Football, mit dem sie die erste Hälfte ihrer seit Ende der 2000er Jahre anhaltende Dynastie geprägt hatten: Power Run Game und eine physisch dominierende defensive Front. Die Crimson Tide legte die von OC Lane Kiffin eingeleitete und spätestens mit QB Tua Tagovailoa umgesetzte Modernisierung der Offense für einen Moment beiseite und dominierte in alter Manier.

Der oldschool Gameplan der Tide

Man muss OC Bill O’Brien hier mal ein großes Kompliment aussprechen. Es ist sicherlich nicht leicht, dem Heisman-Sieger QB Bryce Young zunächst den Ball aus den Händen zu nehmen. Doch angesichts der Stärken der Bearcats-Defense (schnelle Pressure up-front, insbesondere mit DE Myjai Sanders, top Press Man Corners mit Sauce Gardner und Coby Bryant) handelte es sich um einen exzellenten Gameplan. Ich hatte im Verlauf der Saison immer mal wieder auf diesem Blog ausgeführt, dass die einzige größere Schwäche der Bearcats Defense gegen physisches Laufspiel mit einem bigger Back besteht. Kleine wendige Runner hatten weniger Effekt, aber diese 3-3-5 stacked Defense ist leicht undersized (gerade in der D-Line) und eben auf Pressure ausgelegt. Dazu entschieden sich Cincinnatis HC Luke Fickell und DC Mike Tressel, aufgrund des game-breaking Speeds von WR Jameson Williams zunächst beide Safeties als Absicherung tief zu belassen.

Genau da setzte Alabama an – und das macht ein exzellent gecoachtes Team eben aus. Der erste Drive war dafür geradezu paradigmatisch: Die Tide startete mit 10 Runs hinter ihrer O-Line, die über den Saisonverlauf einige Inkonstanz zeigte. Dabei setzten sie mehrfach TE Cameron Latu (Offset positioniert) als Vorblocker ein. Zudem wählten sie eine hurry-up Offense, was dazu führte, dass Cincinnati wenig Sperenzchen in der Aufstellung vornehmen konnte (late shifts o.ä.). Mit dem ersten Pass erzielte die Tide dann den Touchdown auf Slade Bolden.

Hier zeigte sich ein anderes Mittel, das die Tide immer wieder einsetzte: Trips Formations, in denen die Bearcats ihre physische Press Man nicht ausspielen konnte. Bolden geht etwas verzögert auf seine Hitch, zwei Bearcats Defender übernehmen die vertikale Route, er steht underneath völlig frei (und Young legt den Ball intelligent auf die Außenschulter weg von LB Joel Dublanko (#41), so dass Bolden in der Bewegung den besten Turn upfield nehmen kann).

Mit seinem lauflastigen Ansatz kontrollierte Alabama Ball und Uhr. Der zweite Drive der Tide dauerte bereits bis ins zweite Viertel hinein! Kaum jemand hätte erwartet, dass das Run Game der Tide, das die Saison über nicht immer konstant lieferte, so gut funktionieren würde. RB Brian Robinson machte ein exzellentes Spiel: Er war nicht nur der inside Hammer, sondern fand across the line auch immer wieder Möglichkeiten, nach außen auszubrechen. Las seine Blocks immer wieder exzellent und zeigte eben zudem die nötige lateral Quickness für einen bigger Back. Hier ein paar Eindrücke:

Robinson ist eine Geschichte, die wie in den kommenden Jahren immer seltener im College Football erleben werden: ein 5th year senior, der jahrelang geduldig hinter RBs wie Damien Harris, Bo Scarbrough, Josh Jacobs und Najee Harris wartete – immerhin vier NFL RBs und drei aktuelle Starter. Manchmal wird eine solche Wartezeit dann doch belohnt.

Robinson beendete das Spiel mit 26 Läufen für 204 Yards. Besonders auffällig: Nur ein einziger Run ging über 20 Yards (23 Yards Scamper nach Pitch von Young). Sprich: Robinson kreierte konstant Yards und bewegte damit die Chains. Das killt dich als Defense natürlich auf lange Sicht.

Die O-Line sollte hier ebenfalls hervorgehoben werden, gerade weil sie nicht in Bestbesetzung auflief: Der junge Backup-C Seth McLaughlin machte seine Sache sehr gut. Dazu fiel früh OG Emil Ekiyor aus, der von 5-star true Fr. J.C. Latham ersetzt wurde. In den letzten Minuten verletzte sich noch RT Chris Owens, was womöglich Konsequenzen fürs National Championship Game haben wird. Doch dazu später mehr.

Ich habe ehrlich gesagt nicht ganz verstanden, warum sich Fickell und Tressel so lange weigerten, einen Safety dauerhaft in die Box zu stellen und so dem Run Game etwas mehr entgegenzusetzen. Ich hätte meinen beiden Star-Cornerbacks mehr vertraut und so Alabama vielleicht ab und an in ungünstigere Down & Distance-Situationen gebracht. Zur Geschichte gehört allerdings auch, dass ein Spieler mehr in der Box (insb. in der zweiten Halbzeit) nicht wesentlich gegen Robinson half.

Bryce Young wurden zunächst sparsamer eingesetzt – und man erkannte auch schnell, wieso. Jameson Williams hatte außen Probleme mit der Separation gegen die Top-CBs Gardner und Bryant, und der Rush von Myjai Sanders und Curtis Brooks führte dazu, dass Young den einen oder anderen Ball überhastet loswerden musste (Sanders machte btw ein hervorragendes Spiel, nicht nur mit Getoff & Quickness, sondern durchaus auch im Kontakt mit Power & Leverage und selbst gegen double teams). Weitere Würfe hatten etwas mehr Streuung als gewohnt. Wenn der Pass funktionierte, dann aus dem Run heraus mit schnellen RPOs in die Flats. Die Tide callte mehr Pässe in die Mitte (gegen Nickelback Arquon Bush und die Safeties).

Dennoch: Trotz der Schwächen gegen den Lauf konnte Cincinnatis Defense der Offense der Tide etwas entgegensetzen und verhinderte zumindest die ganz dicken Big Plays over the top.

Cincinnatis Offense: zu einfallslos

Ich gebe zu: Von der Offense der Bearcats war ich ein wenig enttäuscht. Es war nicht alles schlecht, was OC Mike Denbrock callte, es kam mir nur wahnsinnig bieder vor. In dem größten Spiel der Geschichte der Universität sollte man doch alles reinhauen, was das Playbook zu bieten hat. Doch viel zu lange war Vorsicht der größte Ratgeber und die Bearcats blieben bei ihrem Stiefel.

Cincinnati wusste, dass seine O-Line der Front von Alabama nicht gewachsen ist. Daher setzte man auf ein schnelles Kurzpassspiel, doch genau damit hatte Nick Saban gerechnet. Immer wieder nahmen die D-Liner und Passrusher der Tide die Arme hoch und konnten eine Menge Pässe von QB Desmond Ridder an der Line abwehren. Gerade DL Phidarian Mathis machte ein exzellentes Spiel, seine Power (insbesondere im initial contact) konnte von der Bearcats OL kaum kontrolliert werden.

Zudem spielte man einige intelligente Stunts, so dass auch andere Passrusher als Will Anderson oder Dallas Turner freigeschemet werden konnten. Hier ein Beispiel: OLB Anderson crasht down, alle Aufmerksamkeit ist auf ihn gerichtet, DL DJ Dale splittet OG und OT zum leichten Sack:

Unabhängig davon: Ein paar Elemente fehlten der Bearcats Offense fast vollständig, gerade in der ersten Halbzeit:

  • Designed Runs von Ridder: Bis zum letzten Drive der ersten Halbzeit gab es keinen einzigen der gefährlichen Läufe vom Quarterback. Kein Zone Read Run, kein Lead Draw, kein Scramble. Das hätte doch die Unterlegenheit in den Trenches ein wenig maskieren können.
  • Kaum deep Shots: Alabama hatte große Probleme auf Cornerback: Josh Jobe fiel aus, und der andere Starter Jalyn Armour-Davis wurde nach dem ersten Drive ersetzt, da seine mangelnde Beweglichkeit aufgrund seiner Hüftverletzung allzu offensichtlich war. Zwei Backup-Corner (v.a. JUCO Transfer Khyree Jackson, der bisher kaum Spielzeit sah) schreien geradezu nach ausgiebigen Attacken. Doch während die Bearcats durchaus auf den Pass setzten, fehlten die tiefen Versuche. Alabama spielte konsequent mit 2-high Safety Shells, aber dennoch: Das musst du doch attackieren, gerade mit einem vertikalen big WR wie Alec Pierce (der lediglich zwei kürzere Pässe fing). Der erste tiefe Versuch von Ridder war Ende der ersten Halbzeit, und dort fand er keine Lücke. Hier hätte man übrigens auch mit Rollouts agieren können, um etwas Druck von der Line zu nehmen.
  • Keine Pässe auf die TEs: Josh Whyle und Leonard Taylor waren in vielen Spielen die Lebensversicherung im Passspiel. Whyle sah seinen ersten Pass erst im allerletzten Drive des Spiels. Taylor wurde nach einem fehlgeschlagenen TE Screen im ersten Drive nicht mehr gefunden.

Wenig Risiko, wenig tiefe Bälle – aber zugleich eine miserable 3rd down Quote (2 von 12, dazu 0 von 3 bei 4th downs), damit lässt sich nichts ausrichten. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, mit fliegenden Fahnen unterzugehen und sich nachher vergewissern zu können, wirklich alles versucht zu haben? So hielten die Bearcats das Spiel bis ins dritte Viertel zwar einigermaßen knapp, ohne dass die Offense den Eindruck machte, wirklich etwas Größeres produzieren zu können…

Die Schlüsselsequenz

Die entscheidenden Momente in diesem – zumindest auf dem Scoreboard – lange Zeit eher engen Spiel ereigneten sich direkt vor der Pause. Cincinnati musste punten, Alabamas PR JoJo Earle muffte gleich zweimal den Ball und hatte wirklich viel Glück, dass ein Teamkollege ihn letztlich recoverte – allerdings an der eigenen 6 Yard-Linie. Dann zauberte die Tide Offense einen 94-yard-Drive aus dem Hut, der von zwei Big Plays geprägt wurde.

Ich hatte mal geschrieben, dass es gelegentlich so wirkt, als ob Young einen kompletten 360° Blickwinkel hat. Bei keinem Play wurde das so offensichtlich wie bei Folgendem:

Bearcats spielen Cover-1 Man Coverage, Young findet keinen freien Receiver, muss wegen Druck in die Pocket steppen und erspäht im Augenwinkel Brian Robinson (der eigentlich zur Pass Pro drinbleibt), pitcht den Ball nach hinten und Robinson erläuft 23 Yards. Diese Poise ist einfach outstanding. Lange keinen Quarterback mehr erlebt, der in jeder noch so unübersichtlichen Situation stets Herr der Lage ist.

Kurz danach das einzige lange Pass Play, der TD von Young auf Ja’Corey Brooks. In All-22 sieht man es besonders gut.

Erneut Man Coverage, doch Nickel Arquon Bush setzt seinen Push nicht richtig und verliert genau dadurch ein paar Schritte gegen Brooks auf der Slot Fade. S Bryan Cook kommt nicht mehr rechtzeitig rüber. 17-3, damit kippte das Spiel endgültig in Alabamas Richtung.

Zweite Halbzeit: Verwaltungsmodus

Die Geschichte der zweiten Halbzeit ist schnell erzählt. Alabama kontrollierte das Spiel und hatte nur noch eine Schrecksekunde zu überstehen, und zwar als S Bryan Cook den  überworfenen Young-Pass über die Mitte intercepten konnte. (Cook machte btw eh ein exzellentes Spiel, sowohl als Centerfielder als auch als underneath Safety und bestärkte meine Meinung, dass er für die NFL ein sehr interessanter Kandidat sein könnte. Watch out.) Doch die Bearcats Offense konnte die Chance nicht nutzen und bewegte sich in 3 Plays 16 Yards nach hinten – sowas wie der psychologische Todesstoß.

Die einzige relevante Auffälligkeit: Da Jameson Williams außen so überhaupt nicht zur Geltung kam und zu einem reinen Kurzpass-WR mutierte, bewegte O’Brien ihn in der zweiten Halbzeit öfter in den Slot. Hier hatte er im letzten TD-Drive seine beiden besten Plays, und zwar beide Male gegen Zone Coverage: 2 Catches für 37 Yards. Wenn man sich seine gesamten Stats anschaut (7 Catches für 62 Yards), zeigt das einmal mehr, wie exzellent die Bearcats außen bestückt waren – und wieviel Sinn es machte, erstens auf den Run und zweitens auf Pässe über die (kurze) Mitte zu setzen.

Alles in allem also ein beeindruckend souveräner Auftritt von Alabama, das den klaren Außenseiter mit einem spezifisch auf ihn zugeschnittenen Gameplan kontrollierte. Irgendwie beunruhigend, dass Alabama – wenn nötig – auch immer noch mit seinen traditionellen Erfolgsrezepten gewinnen kann. Doch wieviel lässt sich aus diesem Spiel wirklich auf das Finale gegen Georgia transferieren?

Orange Bowl: #3 Georgia Bulldogs vs. #2 Michigan Wolverines 34-11

Beide Halbfinals hatten am Ende ähnliche Punktdifferenzen, doch dieses war noch einseitiger als das erste. Georgia hatte offenbar aufgrund des verlorenen SEC Championship Games gegen Alabama wirklich Wut im Bauch und dominierte Michigan von der ersten bis zur letzten Minute. Wer sich die Highlights dieser Schlachteplatte nochmal in Erinnerung rufen möchte oder Silvester lieber feiern war:

Dieses Spiel wurde ebenfalls in den Trenches entschieden, in denen Georgia jeweils dominierte. Während das bei der mächtigen Defense Front zu erwarten war, ist hier vor allem das Duell der Bulldogs Offense gegen die Wolverines Defense etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ähnlich wie bei Alabamas O‘Brien gebührt OC Todd Monken großer Respekt für seinen Gameplan. Viele rechneten damit, dass Michigan allein wegen ihrer Monster-Passrushzange Aidan Hutchinson und David Ojabo der Bulldogs-Offense einige Probleme bereiten würde. Monken hatte ein ebenso simples wie effektives Konzept, um den Einfluss dieser beiden Spieler so weit wie möglich zu reduzieren: 1) inside Running, 2) schnelles horizontales outside Passing.

Die Bulldogs starteten variabel in der Offense, nicht nur mit dauernden Läufen. Das ist eh ein Narrativ, das insbesondere für diese Saison nicht so recht zutrifft – allein da O-Line und Runner nicht mehr ganz die Klasse der vergangenen Spielzeiten haben. Die Bulldogs sind ziemlich effektiv bei early down (playaction) Passing und setzten das auch dieses Spiel gut ein. Die Wolverines setzten auf ciele 2- und sogar 3-TE-Sets und konnten daraus ihren besten Passcatcher TE Brock Bowers immer wieder einbinden: bei kurzen Pässen – in die Flat oder TE Screens – ebenso wie beim ersten Big Play, nebenbei eines der wenigen frühen Plays, in denen QB Stetson Bennett den Ball ein wenig länger hielt:

13-Personnel (Darnell Washington und Bowers auf der boundary side, ein weiterer TE John FitzPatrick auf der field side), Washington und Bowers laufen beide vertikale Routes (Washington vor Bowers), daher orientiert sich der Safety zum inneren TE Washington. Bowers steht gegen Backup-LB Jaylen Harrell – easy Matchup.

Ansonsten versuchte die Bulldogs-Offense aber vor allem, den Ball schnell loszuwerden, um den Impact von Hutchinson und Ojabo unter Kontrolle zu halten. Gerade Hutchinson machte nicht mal unbedingt ein schlechtes Spiel, doch war so an weit weniger Plays beteiligt. Auch wenn oft Hilfe in Form von chippenden TEs oder RBs zur Stelle war: RT Warren McClendon machte eine richtig gute Partie gegen ihn – und LT Jamaree Salyer sogar weit mehr als das: Er nahm Ojabo (von einem Spin Move abgesehen) aus dem Spiel – und setzte Hutchinson – als der mal rüberwechselte – auf den Hosenboden:

Andere Perspektive:

Ob Salyer die gewünschte Länge mitbringt, um in der NFL LT zu spielen, wird sich zeigen. Ein exzellenter O-Liner ist er nicht erst seit diesem Orange Bowl. Die gesamte Saison über hatten Passrusher ziemlich schlechte Karten, wenn es gegen den massigen Tackle der Bulldogs ging (obwohl er in einigen Spielen angeschlagen war). Impressive.

Hinzu kamen viele late Shifts in der Offense, die Michigan verwirrten (bis hin zu Trips Formations mit 3 TEs). Und: Immer wieder RPOs, die eben zu schnellen Pässen führten, wie beim ersten TD der Bulldogs von Brock Bowers. Release in die Flat (hier als „LT“ in einer unbalanced Line aufgestellt), völlig frei.

RPOs wurden auch immer wieder erfolgreich gespielt, wenn Michigans Cornerbacks in Off Coverage (oder allgemein größere Cushion) gingen. Schnelle, einfache Yards, erneut ohne dass Hutchinson und Ojabo eingreifen können, das nahmen die Bulldogs gerne mit.

Zudem lag ich mit einer Prognose aus dem Preview richtig: Receiving Back James Cook war in der Tat der X-Factor. Er sorgte für einige quick hitter im Laufspiel, vor allem aber war er die Matchup-Waffe im Receiving (die, wie ich schonmal ausführte, über die Saison viel zu wenig eingesetzt wurde). Bei Wheel Routes aus dem Backfield ebenso gefährlich wie als Receiver aufgestellt – gerade in Man, wenn er einen Linebacker gegen sich hat, kaum zu stoppen. So kam ja auch der letzte TD der Bulldogs zustande:

Split out gegen true Fr. LB Junior Colson, Stutter&Go Route, das Duell gewinnt er 9 von 10 mal (der over the shoulder catch ist dennoch unglaublich natürlich). Cook ist ein Spieler, bei dem ich mir einen deutlichen Pre-Draft Rise vorstellen könnte. Hat nicht die dicken Stats, aber die Projection als Receiving Back in einer Passing-Liga ist einfach sehr verlockend. Warten wir mal ab…

Und Michigans Offense?

In zwei Worten: Keine Chance. Die Wolverines versuchten alles, gingen früh von ihrem präferierten inside Running gegen diese unbezwingbare Front weg, versuchte Georgias Defense horizontal auseinanderzuziehen, setzten ihre pass-catching Backs Blake Corum und Donovan Edwards ebenso ein wie den mobileren Backup-QB J.J. McCarthy, gingen gleich im ersten Drive Risiko bei 4th down – es half halt alles nichts. Georgia war einfach so viel besser in jeder Phase des Spiels. Die Idee des stärker horizontalen Spiels hätte ich wohl auch gewählt, allerdings war mein Mancrush ILB Nakobe Dean wie von einem anderen Stern unterwegs. Speed, Range zu den Sidelines und closing Burst einfach unfassbar. Bei diesem Play bekomme ich jedes Mal Gänsehaut:

Schaut mal, von wo Dean kommt und wie gut der Angle ist – wohlgemerkt gegen Corum, einen der spektakulärsten Speedbacks des Landes. Wahnsinn.

Die Zone Read-Plays mit McCarthy verpufften ebenfalls. Es gab ein Play (von dem ich leider keinen Clip finde), in dem DT Jalen Carter den RB aus dem Play nimmt, McCarthy daher den Ball behält, aber super-diszipliniert von OLB Nolan Smith verteidigt wird.

Das vielleicht symbolhafteste Play für die Überlegenheit der Trenches gelang DE/DT Travon Walker. Nimmt mit enormer Power im Kontakt den pulling Center proaktiv auf und macht auch noch den Tackle gegen RB Hassan Haskins.

Als dann auch noch die drei Turnover der Wolverines direkt vor und nach der Halbzeit hinzukamen – die beiden Interceptions von QB Cade McNamara, insbesondere der üble Floater in die Endzone, sowie der Fumble von Corum (Weltklasse forciert von einem fliegenden Nakobe Dean), wars dann endgültig durch.

Georgia hat gezeigt, dass es richtig gute Teams geradezu zerlegen kann. Aber Alabama ist einfach nochmal eine andere Nummer – mittlerweile nicht nur auf dem Feld, sondern auch im Kopf. Der Spielverlauf der letzten vier Partien legt dies ebenfalls ein wenig nahe:

Chancen hatte Georgia also genug, allerdings hat es letztlich trotz vielen – und teilweise hohen – Führungen nicht gereicht. Kann Kirby Smart seinen Lehrmeister Nick Saban nun endlich einmal bezwingen? Das frage ich aber nun schon seit mehreren Aufeinandertreffen so.

So oder so: Nun also endlich der Blick nach vorne.

Montag, 10. Januar 2022

National Championship Game:

#1 Alabama Crimson Tide (13-1) vs. #3 Georgia Bulldogs (13-1)
(in Indianapolis; 02:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit)

Für einen regelmäßigen Blogschreiber wie mich ist dieses Preview äußerst undankbar – nicht nur, weil ich diese Topteams während der Saison und in den Halbfinals bereits vielfach und ausführlich vorgestellt habe, sondern auch, weil sie erst vor wenigen Wochen aufeinandergetroffen sind. Langsam gehen mir daher die Themen und Storylines aus, natürlich abgesehen von der naheliegenden: „Was könnte der Verlierer [also in diesem Fall: Georgia] nun besser machen?“

Ich habe das Aufeinandertreffen der beiden SEC-Blaublüter schlicht auch schon zu oft auf diesem Blog begleitet und natürlich immer auf die gleiche jüngere Geschichte abgestellt. Das legendäre National Championship Game 2017/18 mit Tuas Einwechslung und seinem unglaublichen 2nd and 26 TD-Pass in der Overtime auf DeVonta Smith? Das ähnlich legendäre SEC Championship Game mit dem Comeback von Jalen Hurts nach 14 Punkte-Rückstand? Oder – wenn wir etwas weiter in die Vergangenheit gehen: Wie wärs mit dem SEC Championship Game 2012, als die Bulldogs mit Aaron Murray kurz vor der Alabama-Endzone an der auslaufenden Uhr scheiterten? All diese Spiele und ihre Highlight-Plays habe ich hier schon mehrfach verlinkt. Noch einmal muss wirklich nicht sein.

Halten wir uns einfach an die laufende Saison. Zum SEC Championship Game vor vier Wochen hatte ich eine Vorschau verfasst, die sicherlich zu meinen besseren dieser Saison zählt. Für Alabamas Offense hatte ich zwei Schlüssel zum Sieg ausführlicher hergeleitet und konturiert:

  • Pass the ball
  • Young rennen lassen

Beide waren in der Tat am Ende ausschlaggebend für den deutlichen 41-24 Sieg. Alabama ließ das Laufspiel um den eh angeschlagenen Brian Robinson beiseits und legte den Ball in die Hände von Bryce Young, der das Vertrauen mit 421 Yards bei 44 Passversuchen und 3 TDs rechtfertigte. Zur Erinnerung: Georgia hatte vorher deutlich unter 200 Pass Yards zugelassen.

Und auch die Läufe von Young spielten eine kleine, aber entscheidende Rolle. Er lief drei Mal für 40 Yards und einen TD – in den 12 Spielen zuvor hatte er insgesamt Minusyards verbucht. Die zuvor kritisierte O-Line der Tide zeigte ihre beste Saisonleistung, und Georgias so gefürchtete Defense hatte keine Antwort auf die beiden WR John Metchie und insbesondere Jameson Williams. Wer es immer noch nicht gesehen hat:

Also, was tun, um die treue Leserschaft nicht zu langweilen? Ich habe mich dafür entschieden zwar weiterhin in der üblichen Struktur zu bleiben, also Offense und Defense gegenüberzustellen, allerdings mit einem Fokus auf zweierlei:

  1. Was hat sich im Personal verändert und welche Auswirkungen – auch schematischer Natur – könnte das haben?
  2. Was könnte Georgia verändern, um das Spiel enger zu gestalten? Was sollte Alabama tun, um etwaigen Adjustments präventiv entgegenzuwirken?

Wer grundsätzlich nochmal etwas zu den beiden Teams und ihren Tendenzen erfahren will, kann dies in der Vorschau zu den Halbfinals ausgiebig tun.

Crimson Tide Offense vs. Bulldogs Defense

Personalien

Die wichtigste Veränderung zum SEC Championship Game ist natürlich der Ausfall von WR John Metchie, der sich in eben jenem Aufeinandertreffen Ende der ersten Halbzeit einen Kreuzbandriss zuzog. Obwohl sich Alabama in der zweiten Halbzeit vor allem durch den überragenden Auftritt von Jameson Williams, Bryce Young und der O-Line wenig anmerken ließ: Das ist ein massiver Verlust – nicht nur bezüglich des Talents in der Offense, sondern auch schematisch. Ich hatte es bereits in der Vorschau zum Halbfinale geschrieben: Die Tide braucht diese beiden Receiver. Wenn einer fehlt (wie Williams nach seiner Ejection gegen Auburn), macht sich das über früh oder lang bemerkbar. Secondaries können sich nun auf den einen Gamechanger im Passspiel einstellen.

Eine weitere Entwicklung, die auf jeden Fall beobachtet werden sollte, ist der Gesundheitszustand der O-Line Alabamas. C Darrian Dalcourt fehlte bereits die letzten Spiele und wurde ziemlich kompetent von So. C Seth McLaughlin ersetzt. Nun verletzten sich im Halbfinals zunächst RG Emil Ekiyor gleich zu Beginn, spät im 4th quarter auch noch RT Chris Owens. Bei beiden ist noch nicht gesichert, ob sie wieder auflaufen können – und wenn ja, wie fit sie sind. Ekiyor wurde eben ersetzt von true Fr. J.C. Latham, Owens für wenige Snaps von Amari Kight. Diese rechte Flanke erscheint ob der Situation als geeigneter Angriffspunkt für die Bulldogs Defense, die im SEC Championship Game keinen einzigen Sack verbuchen konnte.

In der Bulldogs Defense gibt es noch eine etwas seltsame Entwicklung. STAR/Nickel-DB Latavious Brini, der den verletzten WVU-Transfer Tykee Smith über die Saison eigentlich ziemlich überzeugend vertreten hatte, landete gegen Alabama überraschend auf der Bank. Smart und sein DC Dan Lanning experimentierten mit rSr. William Poole, der in der Saison zuvor kaum Spielzeit gesehen hatte – und das ging gründlich schief. Vielleicht wollten sie gegen die Tide eher einen klassischen Nickel-CB (und keinen Safety) auf dem Feld haben, dennoch sorgte diese Entscheidung für Unverständnis. Im Halbfinale ging es übrigens so weiter: Brini erhielt nur wenige Snaps, auf STAR wurde nicht nur Poole, sondern auch starting S Christopher Smith ausprobiert (wofür Backup-S (und Ex-Walkon) Dan Jackson hinten spielte). So ganz kann ich diese unnötige Baustelle nicht verstehen, mich würde es aber nicht wundern, wenn Alabama genau da verstärkt ansetzen würde.

Alles in allem spricht die veränderte Personalsituation auf dieser Seite des Balles aber für einen Vorteil der Bulldogs gegenüber dem ersten Duell.

Schemes und Adjustments gegenüber dem ersten Spiel

Beginnen wir auch hier mit der Schlüsselfrage: Wie lässt sich Metchies Ausfall schematisch am ehesten kompensieren? Personell ist die Frage wohl geklärt: Von den jungen Receivern hat sich Ja’Corey Brooks nachhaltig für den outside WR-Posten empfohlen. Dennoch bleibt das Problem, dass sich die Defense zu sehr auf Big Play-WR und deep threat Jameson Williams (immer noch über 20 Yards/Catch) konzentrieren kann. Natürlich wird Williams mehr als im Halbfinale gegen Cincinnati zentraler Punkt der Offense sein, aber sollte das nicht reichen, was tun? Mögliche Ansätze:

  • Mehr auf die TEs setzen: Seitdem Jahleel Billingsley wieder aus Sabans Doghouse herausgelassen wurde wurde, spielt die Tide – wie seinerzeit von mir empfohlen – in der Tat mit mehr 2-TE-Sets und 12-Personnel als üblich. Billingsley als zwar inkonstanter, aber extrem dynamischer WR-Typ, Cameron Latu als etwas sicherere Anspielstation, der gerade in der Redzone gefährlich ist. Beide sind gute Blocker, Billingsley hat hier Fortschritte gemacht. Dennoch: warum nicht noch mehr auf die beiden TEs über die Mitte – und am besten gemeinsam – attackieren?
  • Slot-Attacke: Gerade bei den erwähnten Personalrochaden der Bulldogs erscheint es verlockend, den Slot-WR etwas stärker einzubinden. Slade Bolden ist ein solider Receiver, der underneath immer wieder freie Zonen findet oder sich in Man mit einem schnellen Cut Separation verschaffen kann. Er sollte eine etwas größere Rolle bekommen. Ich würde allerdings ebenfalls die Idee der zweiten Halbzeit gegen Cincinnati aufgreifen, gelegentlich Williams in den Slot zu stellen: erstens die klassische Position, um gefährliche schnelle RPO-Slants zu laufen, zweitens bekommt er so die günstigen Matchups downfield gegen die Safeties.
  • Mehr Run Game? Erkenntnis aus dem Cotton Bowl: Der Unterschied zwischen einem angeschlagenen und einem fitten RB Brian Robinson ist signifikant. Das gilt natürlich für jeden Spieler, aber die Diskrepanz war bei diesem Big Back schon besonders augenscheinlich. Von daher wäre eine Überlegung, dem Laufspiel mehr Platz einzuräumen. Dies würde ich jedoch eher im späteren Verlauf des Spiels zu einem relevanten Teil meines Gameplans machen – wenn überhaupt. Georgias Front ist einfach zu gut darin, das gegnerische Run Game komplett abzustellen. Wenn, dann hielte ich das für eine Option, wenn man die Defense zuvor bereits ein wenig müde gespielt hat. Hierfür ist unbedingt wieder auf einige hurry-up-Sequenzen zurückzugreifen, damit die Bulldogs D-Line nicht rotieren kann. NT Jordan Davis spielt in der Regel etwa die Hälfte der Snaps und braucht einige Erholungspausen. Ihn und seine Kollegen sollte man mit schnellem Spiel die ersten Drives gleich mal komplett auf dem Feld lassen. Vielleicht ergeben sich später mehr Lücken im Run Game, wenngleich ich nach dem intensiven Studium des Michigan-Spiels noch einmal mehr von der Depth der Bulldogs in der D-Line überzeugt bin. Aber irgendwo muss man ja ansetzen.

Insgesamt würde ich daher von der grundsätzlichen Herangehensweise nicht unbedingt viel verändern: Alabama muss passlastig bleiben, nur halt teilweise auf anderem Wege. Eine attraktive Option, die gegen die exzellente Secondary von Cincinnati besonders gut klappte, wären condensed Formations, insbesondere drei WR auf einer Seite in Trips. Hiermit lässt sich eben besonders gut ein einzelner Receiver freischemen, gerade wenn es derjenige ist, der als letzter auf den Route Release geht. Mehr schnelles Passspiel underneath, wahrscheinlich nicht ganz so viel Richtung Big Play schielen.

Und natürlich bleibe ich bei meinem Vorschlag aus dem SEC Championship Game: Bryce Young muss mehr – und früher – selbst rennen, wenn er eine Lücke erspäht. Er tut es nicht gerne, aber gegen diese Monster-Defense sollte er leichte Möglichkeiten auf ein wenig Raumgewinn nicht verstreichen lassen.

Betrachten wir das Ganze aus der Perspektive der Bulldogs Defense. Ich halte es für sinnvoll, bezüglich des ersten Aufeinandertreffens nicht überzureagieren. Oft werden psychologische Komponenten in solchen Duellen vorschnell beiseite gewischt. Wie fühlt man sich als Spieler einer Defense, die das ganze Jahr über jede Offense – auch durchaus gute – komplett abgewürgt hat und gegen keinen Gegner mehr als 17 Punkte zugelassen hat, wenn es plötzlich gleich mehrfach einschlägt? Man wird vielleicht unsicher, und vor allem: Man presst. Man versucht es zu erzwingen, indem man die Aggressivität noch eine Stufe erhöht. Das führte womöglich unter anderem zu dem Stutter & Go-Touchdown auf Jameson Williams zu Beginn der zweiten Halbzeit, als CB Kelee Ringo sofort viel zu stark auf den Cut von Williams anbiss. Großer Respekt an Saban und O’Brien, dafür ein Gefühl zu haben. Georges Defense und insbesondere seine Secondary verfiel aufgrund einer vollkommen unbekannten Situation schnell in einen Panic Mode.

Eine andere Komponente, die sich direkter im Geschehen manifestiert hat: die geringe Pressure. Georgia konnte Bryce Young kaum unter Druck setzen, der mit seiner Mobilität ruhig in der Pocket umhermanövrieren konnte und die Bulldogs Secondary auseinandernahm. Kein einziger Sack, das sagt eigentlich alles aus. Wenn es eine Schwäche dieser Defense gibt, dann wohl den Passrush der OLBs. Hier fehlt der (vollkommen zurecht!) suspendierte Adam Anderson enorm. OLB Nolan Smith ist ein richtig guter all-around EDGE, allerdings nicht der Monster-Speedrusher, der gegnerischen OTs Angstschweiß auf die Stirn zaubert (26 Pressures, 3.5 Sacks). Andersons Ersatz, der zuvor wenig eingesetzte rSr. Robert Beal, hat sich ganz gut geschlagen (19 Pressures, 5.5 Sacks), aber der absolute Difference Maker befindet sich nicht in dieser Unit.

Die Bulldogs haben wenig geblitzt – weniger, als ich vermutete (laut PFF nur Rang #84 in Blitzes pro Dropback). Das ist größtenteils wegen der Coverage und den starken Linebackern in den kurzen Zonen nicht nötig gewesen, hier muss nun aber eine Steigerung her. Gefühlt gibt es von den beiden ILBs mehr Run Blitzes – nun muss man unbedingt Bryce Young aus der Komfortzone bewegen.

Glücklicherweise haben Smart und Lanning mit Nakobe Dean einen Alleskönner, der überall einsetzbar ist. Große Preisfrage: Will man lieber seine exzellenten Coverage-Fähigkeiten underneath ausspielen lassen oder seine ebenso exzellenten Fähigkeiten als inside Blitzer? Ich würde dringend für zweiteres plädieren. Dean hat ein unfassbar instinktives Gefühl für günstige Rush Lanes (und Antizipation für sich öffnende Rush Lanes), den Rest erledigen sein Speed und closing Burst (28 Pressures, 6 Sacks in nicht übermäßig vielen Passrush-Snaps).

Gerade die verletzungsgeplagte unsichere rechte Seite der O-Line sollten die Bulldogs gezielt attackieren: Mit ihren besten passrushing D-Linern Travon Walker und Jalen Carter und mit jeder Menge Blitzes. Ich würde aus allen Rohren feuern: Stunts, Overloads, Cross Dog Blitzes mit beiden ILBs (insbesondere: Dean und Channing Tindall als Speedster-Linebacker) – einfach alles, was dazu führt, dass die O-Line on the fly adjusten muss. QB Young hat fantastisches Pocket Movement, so dass die Gefahr besteht, dass man sich so einen tiefen Ball fängt. Aber ihn unbehelligt in der Pocket zu lassen, ist definitiv auch keine Lösung, wie das erste Spiel nur zu gut zeigt. Young muss gehittet werden, Young muss oft genug auf dem Boden liegen, dann kriegt man seine Accuracy ein wenig beeinflusst, das haben einige Spiele gezeigt (LSU, Auburn, tlw. Cincinnati). Wenn Young die Secondary trotzdem auseinandernehmen kann, dann soll es eben so sein. Nur irgendwie musst du den besten QB im College Football attackieren.

Also: Überfrachtet die rechte O-Line, verschwendet eure besten Passrusher nicht gegen LT Evan Neal und schaut, ob ihr Young aus dem Rhythmus bekommt.

Und noch ein abschließender Gedanke zur Coverage: Ich vermute, dass Smart wieder mit zwei tiefen Safeties agieren wird, die sich nicht so leicht von Crossern nach vorn locken lassen dürften wie im ersten Spiel (wo Alabama dann Williams dahinter schickte und so günstige one-on-ones gegen den anderen Safety entstanden). Gerade der beste S Lewis Cine, gleichermaßen gut als harter Hitter nahe der Box wie in deep Coverage, wird seine aggressiven Tendenzen etwas zügeln müssen. Vorteil nun natürlich, dass sich alles auf Williams konzentrieren kann. Im Gegensatz zu Cincinnati hat Georgia eben den Luxus, seiner Front auch mit einem Mann weniger vertrauen zu können, das Laufspiel von Alabama weitgehend abzuwürgen.

Eine Überlegung, die mir in den vergangenen Tagen mehr und mehr gekommen ist. Smart spielt wie Saban ja primär seine Cover-3 Pattern Match in der Rip/Liz-Variante, die ich auf diesem Blog schon mehrfach vorgestellt habe. Auf dieser Basis wird je nach Bedarf mehr oder weniger Cover-1 eingeflochten, um eventuell einen Blitzer oder Box-Defender mehr zur Verfügung zu haben. Da Alabamas Passspiel deutlich mehr Probleme mit Man Coverage hatte: Warum nicht eigentlich viel Cover-2 Man spielen lassen? Die beiden outside Cornerbacks Derion Kendrick und Kelee Ringo haben mir ein wenig zu viel Kritik für die – sicherlich nicht gute – Leistung im „Hinspiel“ erhalten. Das sind hervorragende Cover-Corner (insbesondere Kendrick), die genug Receiver diese Saison aus dem Spiel genommen haben. Zwei tiefe Safeties als Absicherung in den tiefen Zonen würden Big Plays besser verhindern können – und wie gesagt, vorne müsste es zumindest gegen den Lauf auch so reichen. Allerdings lädt man so Alabama zu kurzen Pässen auf die Runner und insbesondere zu Youngs Läufen ein. Aber jedes Scheme hat so seine Nachteile…

Key Matchups:

WR Jameson Williams vs. CB Derion Kendrick (oder Kelee Ringo, für Bama wohl präferiert)

C Seth McLaughlin vs. NT Jordan Davis

RG Emil Ekiyor & RT Chris Owens (o. ihre Backups) vs. DE/DT Travon Walker, OLB Nolan Smith (plus die Blitzes von ILB Nakobe Dean)

RB Brian Robinson vs. ILB Nakobe Dean (o. den physischen Quay Walker)

TE Cameron Latu vs. S Lewis Cine (o. Dean?)

Unterschätzt: Slot-WR Slade Bolden vs. Bulldogs STAR/Nickel (Latavious Brini? William Poole? Evtl. gelegentlich sogar Christopher Smith?)

Bulldogs Offense vs. Crimson Tide Defense

Personalien

In Georgias Offense sind die Veränderungen im Vergleich zum SEC Championship Game als nicht so gravierend einzuschätzen. Die Bulldogs Offense hofft natürlich auch weitere Genesungsschritte von Top-WR George Pickens nach seinem Kreuzbandriss. Pickens ist wieder ein kleiner Teil der Offense, allerdings noch kein go-to-guy, der mit Bällen in entscheidenden Situationen gefüttert wird. Immerhin besticht er schon wieder mit der Aggressivität, die seinen Spielstil generell so auszeichnet:

Kann er vielleicht etwas stärker als Receiver eingebunden werden? Ein ansatzweise fitter Pickens würde die gesamte Tektonik des Spiels verändern. Aber so weit ist es wohl noch nicht.

Die eine Dauer-Personalie der Bulldogs-Offense ist natürlich QB Stetson Bennett. Können die Bulldogs wirklich mit einem ehemaligen Walk-on, der kurzzeitig auf ein JUCO wechselte und dann wieder zurückkehrte, den größten Preis im College Football gewinnen? Die COVID-Erkrankung von JT Daniels, zweifellos der insgesamt talentiertere Passer, hat eine aufkommende QB-Kontroverse im Keim erstickt. Dennoch: Für ein derart Star-besetztes Team wie die Bulldogs fühlt sich die Quarterback-Position einfach nicht ideal bestückt an – obwohl Bennett diese Saison gewaltige Fortschritte gemacht hat und gegen Michigan phasenweise sogar brillierte.

Auch beim Duell dieser Units sind die Fragezeichen bei Alabamas Personal größer, und zwar insbesondere auf der Cornerback-Position, die im SEC Championship Game noch in Bestbesetzung auflaufen konnte. Nun fehlt CB Josh Jobe definitiv, und der zweite Starter CB Jalyn Armour-Davis ist mit seiner Hüftverletzung weiter fraglich. Wenn ich den ersten Drive aus dem Cincinnati-Spiel als Maßstab nehme, glaube ich nicht, dass ein Einsatz sinnvoll ist. Change of direction und schnelle fluide Bewegungen waren kaum möglich. Aber ich bin natürlich kein medizinischer Experte. Dennoch: Nicht unwahrscheinlich, dass die Tide wieder mit Kool-Aid McKinstry und dem völlig unerfahrenen JUCO-Transfer Khyree Jackson außen auflaufen werden.

Auch hier gilt also: Die Vorzeichen haben sich zugunsten von Georgia verändert.

Schemes und Adjustments gegenüber dem ersten Spiel

Während auf der anderen Seite keine allzu großen Schlüsse aus den Halbfinals gezogen werden sollten, ist die Bulldogs Offense vielleicht die einzige Unit, die etwas mehr aus ihrem letzten Spiel mitnehmen sollte.  Wie bereits ausgeführt, gehört Georgia zu den effektivsten Teams im early-down Passing – trotz oder wegen Stetson Bennett. Diese Tendenzen sollte OC Todd Monken auf jeden Fall fortsetzen, allein wegen der wirklich dünnen Depth der Tide auf Cornerback. Georgia muss diese potenziellen Schwachpunkte testen: früh, ausgiebig und – anders als Cincinnati – durchaus mit tiefen (Sideline) Shots.

Mag sein, dass die Bulldogs nicht das beste Receiving Corps außerhalb von Pickens haben, doch für diese Plays erscheinen einige der Kandidaten schon geeignet. Klar, ein fitter Pickens als athletischer big WR mit seinen erstklassigen Händen und seiner „my ball“-Mentalität würde extrem helfen. Ein paar Plays könnte ich mir durchaus vorstellen. Doch selbst wenn er gesundheitlich noch zu limitiert ist für eine große Rolle: Der große true Fr. Adonai Mitchell kann diese (mitunter vertikale) Perimeter-Präsenz immer besser ausfüllen. Die letzten Wochen zeigen sein enormes Potenzial. Watch out in 2022. Und auch der hochveranlagte, allerdings immer noch zu inkonstante Jermaine Burton könnte die Tide CBs ab und an mal tief beschäftigen.

Insgesamt empfiehlt es sich, die vielen Receiver, die Monken rein- und rausrotieren lässt, exakt auf spezifische Tendenzen in Alabamas Secondary auszurichten und abzustellen. Das gilt auch für die beiden flinken Slot Guys Ladd McConkey und Kearis Jackson. Credo wäre hier: Nach Bedarf einsetzen.

Klar ist: Der go-to-guy bleibt Freshman-Sensation TE Brock Bowers. Ihn würde ich ähnlich wie gegen Michigan einsetzen. Viele schnelle Pässe, bei denen er seine Athletik und YAC-Skills ausspielen kann, und gelegentliche tiefe Shots. Georgia wird wieder in vielen multiple TE-Sets auflaufen, und vielleicht wird ja endlich auch Hüne Darnell Washington relevanter Teil des Gameplans im Passing? Ehrlich, ich verstehe nicht, warum ein solches potenzielles Mismatch so sparsam eingesetzt wird.

Die TEs bringen mich zu einem weiteren Punkt: Ich denke, dass es wichtig sein wird, innen Matchups zu kreieren: Sollte Bowers vom exzellenten Cover-S Jordan Battle übernommen werden, wer zeichnet sich dann für Receiving-Back James Cook verantwortlich? Ein Linebacker? Bingo. Ein Nickel-DB? Mal schauen. Die Safeties der Tide außerhalb von Battle hatten immer wieder einige Coverage-Probleme. So oder so: Cook sollte ein gewichtiger Teil der Passattacke sein.

Der Erfolg des schnellen Passings nach außen oder über die Mitte dürfte trotz der CB-Probleme Alabamas insofern entscheidend sein, da Bennett nicht dauerhaft auf die tiefen Bälle gehen kann. Bennett ist extrem anfällig gegen Pressure. Klar, ist jeder Quarterback, aber bei ihm ist die Diskrepanz zwischen sauberer Pocket und Pressure besonders groß. Daher braucht es in jedem Play outlets – oder eben mehr Max Protection (ein Bereich, über den viel zu wenig geredet wird).

Letzter Punkt: Wie viel Laufspiel setzt Monken ein gegen Alabamas deutlich verbesserte Run Defense? Die 3er Front um Phidarian Mathis und Byron Young hat sich nach dem mauen Spiel gegen Florida enorm verbessert gegen den Lauf und ist statistisch mittlerweile auf einem Level mit Georgia angekommen – kein Scherz. Von daher dürfte es tough sledding werden für Georgias physischen Lead Back Zeus White. Im Gegensatz zu Alabama sollte Georgias dieses Element allerdings nicht zu sehr vernachlässigen, sondern dosiert immer wieder einsetzen. Doch wie wärs mit variabilisieren? 2-RB-Sets mit James Cook und Kenny McIntosh fände ich eine interessante Option, bei denen man beide theoretisch auf Passrouten schicken könnte und so eine gewisse Unwägbarkeit beibehält…

All diese Gedanken sind aber nur graue Theorie, wenn Georgia Tide OLB Will Anderson nicht kontrolliert bekommt. Anderson ist trotz seiner etwas undersized Statur eben nicht nur ein unfassbar guter Passrusher, sondern ein sensationeller Run Defender mit Aggressivität, Power, Leverage und seinem superben Arm- und Handeinsatz. Habe selten einen so energischen Edgesetter mit sub 250 Pounds erlebt. Seine 97 Tackles und 31 TFL verraten, wie sehr er eben auch über den Passrush hinaus die Defense prägt. Der beste Spieler im College Football eben.

Auf der anderen Seite: Der bemitleidenswerte RT Warren McClendon. Normalerweise bekommen RTs ja nicht unbedingt die Top-Passrusher als dauerhafte Gegenspieler. Doch McClendon hat hier echt den Jackpot gezogen: erst Aidan Hutchinson, dann Will Anderson. Undankbarer gehts kaum. Er wird sicherlich viel Hilfe in Form von chippenden RBs und TEs erhalten, dennoch wird es primär auf ihn ankommen. Und wie gesagt: Rising Star true Fr. OLB Dallas Turner auf der anderen Seite verbietet allzu leichtes Weg-Schemen von Anderson. Die mächtige D-Line plus die beiden harten Runstopper ILBs Henry To’oto’o und Christian Harris erlauben eben auch kein dauerhaft erfolgreiches quick inside Running wie gegen Michigan.

Ich bleibe dabei: Georgia muss über den Pass gewinnen. Interessant wird die Srategie von Saban sein: Wird er besonders Blitz-happy sein (insb. mit ILB Harris oder STAR Brian Branch), um Bennett zu schnellen und womöglich überhasteten Entscheidungen zu zwingen? Oder agiert er zunächst vorsichtiger in Anbetracht der Cornerback-Probleme, behält zwei Safeties hinten, spielt ein wenig mehr vorsichtige Quarters-Coverage? Oder spielt einer der Safeties den Robber und lauert auf Crosser über die Mitte und einen Fehler von Bennett? Aber was dann tun mit TE Bowers, der unbedingt nach einer Sonderbehandlung verlangt?

Dieses Duell zwischen der Art des Bulldogs-Passspiels und der Coverage der Tide könnte das spannendste Schachspiel der Partie sein: Was erwarte ich, was der andere tut? Oder: Was erwarte ich, was der andere davon erwartet, was ich tue? Unbegrenzte Optionen bieten sich hier. Achtet ruhig mal drauf, wie Saban im ersten Drive seine Safeties einsetzen wird – und wie Monken daraufhin seinen Gameplan anpasst.

Key Matchups:

RT Warren McClendon vs. OLB Will Anderson

LG Justin Shaffer (oder RG Warren Ericson) vs. Phidarian Mathis

TE Brock Bowers vs. STAR Brian Branch (oder S DeMarcco Hellams)

WR George Pickens (wenn fit, ansonsten Adonai Mitchell) vs. Kool-Aid McKinstry

QB Stetson Bennett vs. S Jordan Battle

Fazit

Gelingt Kirby Smart endlich der Befreiungsschlag? Die Chancen stehen auf dem Papier günstiger als im ersten Duell. Entsprechend wundert es mich nicht, dass Georgia erneut Favorit ist, wenngleich dieses Mal mit ‚nur‘ 2.5 Punkten. Doch genau diese Line wird Saban wieder als Motivationsspritze – als ausnahmsweise leckeres rat poison – verkaufen. Man zerlegt Georgia vor wenigen Wochen mit 17 Punkten, und ist dennoch wieder nur Außenseiter? Das wird seine Wirkung im Team sicher entfalten.
Ich erwarte auf beiden Seiten ein passlastigeres und durchaus erneut punktereiches Spiel. Und auch wenn man eigentlich niemals gegen Saban tippen sollte, irgendwann muss die Tide doch mal fällig sein, oder? Also, gegen besseres Wissen tippe ich erneut auf Georgia in einem engen und spektakulären Spiel.

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